Ich kenne außer Sulzburg nur noch ein deutsches Städtchen, das man auch nur durch das Stadttor erreichen kann: Tittmoning in Südostbayern. Für weitere Hinweise bin ich aber dankbar. Für den Wahlkampf ist ein Stadttor äußerst praktisch, wie wir im Folgenden sehen werden. Zunächst bietet es auf ganz natürliche Art die Gelegenheit, die zwei Kandidaten für den Bundestag zu präsentieren:
Links unten die SPD-Kandidatin, rechts unten der CDU-Kandidat. Zugegeben, wir sollten hier etwas näher herangehen, um auch die doch sehr komplexen Wahlbotschaften zu Afghanistan, Arbeitslosigkeit, Steuern, Finanzkrise, Zweiklassenmedizin und Bildungsnotstand besser zu verstehen.
“Jana Zirra” ist vermutlich der Name der Kandidatin. Die rote Farbe weist darauf hin, dass sie eine Rote, also von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist. Da diese als links gilt, steht ihr Plakat auch links am Stadttor. Dementsprechend positioniert sich ihr Konkurrent Armin Schuster rechts. Damit man ihn als Schwarzen erkennt, trägt er einen dunklen Anzug.
Diese Form der Wahl wird in der Bundesrepublik Deutschland seit 1948, also seit 61 Jahren praktiziert. Seitdem regieren immer und ausnahmslos Rot und Schwarz. Zwar behauptet die Bundeszentrale für politische Bildung, die heuer gar einen Wahlomat anbietet, dass es auch 24 andere Parteien gibt, aber dies ändert nichts an der Regierung, denn bis auf die NPD sind alle Parteien nur gegründet worden, um mit Rot und Schwarz zu koalieren. Die verblüffende Einfachheit dieser Wahl wird noch größer, wenn man weiß, dass die beiden “Parteien” auch noch eine gemeinsame Regierung bilden, also im Grunde eine Partei sind. Für den Wähler 2009 hat das den großen Vorteil, dass er nie falsch wählen kann: In jedem Fall wird “seine” Partei regieren. Wer wird aus diesem spannenden und brutalen Wahlkampf als Sieger hervorgehen? Noch wissen wir es nicht. Nur die Regierung weiß es schon und wird es uns am Wahlabend um 18 Uhr mitteilen.
Diesen stylischen Erstwähler konnte ich nach seiner Wahlpräferenz fragen. Er sagte, er sei noch nicht sicher, ob er überhaupt zur Wahl ginge, würde aber wenn doch die Grünen wählen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass dies am Stadttor nicht vorgesehen sei, aber er beharrte darauf. Ich versuchte weiter, ihm den Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme klarzumachen. Seine Erststimme für die Grünen hilft, damit einer der beiden Kandidaten von Rot-Schwarz gewinnt, wohingegen er mit seiner Zweitstimme für eine Schwarz-Rot-Koalition sorgen kann. Er schien von meinem Vorschlag nicht so angetan zu sein und stellte schließlich fest: “Dann wähle ich doch nicht.” Diese vernünftige Einsicht haben aber bisher erst 30% der Wähler. Ob es am 27. September mehr werden?



