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20. Okt. 2009

Jetzt, ein Jahr nach der Finanzkrise, wagt ein Vater mit seiner Tochter den inzwischen vierten Versuch – dreimal ging hier schon ein Café bankrott – dem mit Gastronomie bereits überreich gesegneten Städtchen Sulzburg ein Stadtcafé anzubieten. Es liegt an diesem kalten Oktobertag an diesem Platz:

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Bereits zehn nach Acht sitzen einige Herren dort bei der Zeitung. Einer hat die Süddeutsche ausgebreitet, deren Lektüre aufgrund des Umfangs jenen vorbehalten bleibt, die Erben und Rentiers sind.
Sie bietet täglich mehr Inhalte als Stern und Spiegel zusammen wöchentlich, allerdings leider nie investigative. Eben aus investigativen Gründen lese ich gerne die Badische Zeitung, da diese keine Zensurabteilung hat.

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Heute verzaubert sie mit einer Nachricht aus dem schwarzgrünen Solarstädtchen Freiburg. Dort wird ein interessantes Problem diskutiert, das ich in dieser Form so noch nie gehört habe, nämlich die Frage der Verhütung für ALG-II-EmpfängerInnen. Offensichtlich besteht in der schwarzgrünen Rentnermajorität die Sorge, die Damen könnten zu schlecht verhüten, was wiederum zu teuren Abtreibungen führen würde, die den Staat am Ende daran hinderten, seine Hauptaufgabe, nämlich die Versorgung seiner Pensionäre auszuüben.

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Zum Glück ist Freiburg aber auch eine christliche Stadt, deren christlich-demokratischer Stadtrat Martin Kotterer die rettende Idee hat (siehe Bild oben): Wenn die Stadt Freiburg den ALG-II-EmpfängerInnen die Verhütung bezahlen würde, könnten so pro verhindertem Kind sagenhafte 80 Euro Wohngeld eingespart werden. Dies sei (Zitat) eine “harte, betriebswirtschaftliche Rechnung”, so der fürsorgliche Stadtvater Kotterer. Begeisterter O-Ton Badische Zeitung: “Das Geld für die Verhütung hätte sich schnell amortisiert”.
Solche Perlen fehlen mir in der SZ. Dementsprechend gut unterhalten sitze ich auch am Frühstückstisch:

 

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Zu Kotters scheinbar genialer Einsparidee möchte ich aber anmerken, dass erstens Zwangsverhütung bei erwachsenen Frauen bereits bei christdemokratischen Politikerinnen, etwa bei Frau von der Leyen gescheitert ist, also in der Zielgruppe nicht den erwünschten Erfolg haben könnte. Zweitens leiden die deutschen Steuerkassen bekanntlich nicht unter zu vielen Kindern, für die Wohngeld entrichtet werden müßte, sondern unter der Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland mit 1,2 eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt hat, was das Schneeballsystem christlich-grüner Pensionäre zumindest langfristig gefährdet. Da bei einer Arbeitslosenquote von etwa 7% im Musterländle doch faktisch 93% arbeiten und Steuern zahlen, würden also auch neun von zehn aus der Brut der ALG-II-Empfängerinnen zu Sklavendiensten für die schwarzgrüne Stadtverwaltung, etwa für 400-Euro-Jobs in der Altenpflege, herangezogen werden können. Dies bringt mehr Einnahmen und billigen Komfort, als mit dem Wohngeld verlorengeht.
Also, liebe christliche  Stadtväter, rechnen Sie doch bitte das Ganze nochmal durch!

7. Sep. 2009

Ich kenne außer Sulzburg nur noch ein deutsches Städtchen, das man auch nur durch das Stadttor erreichen kann: Tittmoning in Südostbayern. Für weitere Hinweise bin ich aber dankbar. Für den Wahlkampf ist ein Stadttor äußerst praktisch, wie wir im Folgenden sehen werden. Zunächst bietet es auf ganz natürliche Art die Gelegenheit, die zwei Kandidaten für den Bundestag zu präsentieren:

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Links unten die SPD-Kandidatin, rechts unten der CDU-Kandidat. Zugegeben, wir sollten hier etwas näher herangehen, um auch die doch sehr komplexen Wahlbotschaften zu Afghanistan, Arbeitslosigkeit, Steuern, Finanzkrise, Zweiklassenmedizin und Bildungsnotstand besser zu verstehen.

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“Jana Zirra” ist vermutlich der Name der Kandidatin. Die rote Farbe weist darauf hin, dass sie eine Rote, also von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist. Da diese als links gilt, steht ihr Plakat auch links am Stadttor. Dementsprechend positioniert sich ihr Konkurrent Armin Schuster rechts. Damit man ihn als Schwarzen erkennt, trägt er einen dunklen Anzug.

 

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Diese Form der Wahl wird in der Bundesrepublik Deutschland seit 1948, also seit 61 Jahren praktiziert. Seitdem regieren immer und ausnahmslos Rot und Schwarz. Zwar behauptet die Bundeszentrale für politische Bildung, die heuer gar einen Wahlomat anbietet, dass es auch 24 andere Parteien gibt, aber dies ändert nichts an der Regierung, denn bis auf die NPD sind alle Parteien nur gegründet worden, um mit Rot und Schwarz zu koalieren. Die verblüffende Einfachheit dieser Wahl wird noch größer, wenn man weiß, dass die beiden “Parteien” auch noch eine gemeinsame Regierung bilden, also im Grunde eine Partei sind. Für den Wähler 2009 hat das den großen Vorteil, dass er nie falsch wählen kann: In jedem Fall wird “seine” Partei regieren. Wer wird aus diesem spannenden und brutalen Wahlkampf als Sieger hervorgehen? Noch wissen wir es nicht. Nur die Regierung weiß es schon und wird es uns am Wahlabend um 18 Uhr mitteilen.

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Diesen stylischen Erstwähler konnte ich nach seiner Wahlpräferenz fragen. Er sagte, er sei noch nicht sicher, ob er überhaupt zur Wahl ginge, würde aber wenn doch die Grünen wählen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass dies am Stadttor nicht vorgesehen sei, aber er beharrte darauf. Ich versuchte weiter, ihm den Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme klarzumachen. Seine Erststimme für die Grünen hilft, damit einer der beiden Kandidaten von Rot-Schwarz gewinnt, wohingegen er mit seiner Zweitstimme für eine Schwarz-Rot-Koalition sorgen kann. Er schien von meinem Vorschlag nicht so angetan zu sein und stellte schließlich fest: “Dann wähle ich doch nicht.” Diese vernünftige Einsicht haben aber bisher erst 30% der Wähler. Ob es am 27. September mehr werden?

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