24. Aug. 2009
Eigentlich wollte ich nur den Künstler Jerome Person begleiten. Person hat vor sieben Jahren bei einem Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma der Stufe drei erlitten. Ich kannte ihn noch aus der Zeit vor dem Unfall und nun bat er mich, mit ihm zu einem Wochenendseminar der Hannelore-Kohl-Stiftung nach Hennef zu fahren.
Doch sofort fand ich mich in Workshop 2, geleitet von dem Psychologen Markus Teuber (Bild rechts) wieder – und war auf einmal ein Mensch unter Menschen. Wie Unfälle und Schlaganfälle das Leben verändern – hier sah ich es sehr plastisch. Einer sagt: “Ich habe in meiner Ehe in der Hölle gelebt. Nach dem Schlaganfall bin ich einfach weggegangen und nicht wieder gekommen.”
Anfangs fürchtete ich, den oft langsam sprechenden SHT-Patienten mit meinen Beiträgen wertvolle Zeit zu nehmen. Aber schließlich kamen wir alle sehr persönlich ins Gespräch. Ich erinnerte mich, auch einen schweren, aber folgenlosen Unfall gehabt zu haben. Wir sprachen über unglückliche Ehen und den Sinn von eigenen Kindern. Als es darum ging, dass wir uns alle positiv sehen sollten, da wir sonst keine Partner fänden, wagte ich den Widerspruch: Wir sollten doch uns und andere nicht selbst belügen, also dazu stehen, wenn wir uns schlecht und minderwertig fühlen.
Wir entdeckten auf einmal die Paradoxie der Appelle – daß man nur erwarten könne, geliebt zu werden, wenn man sich selbst zuvor liebenswert findet – und ich nahm verwundert zur Kenntnis, wie groß die Resistenz der SHT-Betroffenen gegenüber den Standardvorgaben aus Psychologie, Coaching und Illustrierten ist.
Vermutung: Nach dem Erleben von solchen Grenzsituationen ist die Angst, vor Sanktionen, wenn man den Normen nicht gehorcht, nicht mehr so groß. Schließlich haben die Normen ja auch nicht vor dem Unfall oder Anfall geschützt und es trifft Menschen, die völlig normal “funktioniert” haben.
Uwe (Bild links) hat nach dem Trauma eine Technik der Anmache entwickelt, die an den frühen Woody Allen erinnert: “Guten Tag, ich bin sprachbehindert und möchte ein bißchen trainieren. Haben Sie Lust, ein bißchen mit mir zu trainieren?”
Er betritt bei der Annäherung an das andere Geschlecht sofort die Ebene der Freundschaft, die uns normalerweise als diskriminierende Herabsetzung bis ins Mark verletzt (”Lass uns doch Freunde bleiben”).
Die Sprache von Uwe ist sehr langsam, aber äußerst gewählt, ja druckreif. René wiederum gestikuliert überwiegend und nimmt deutlich emotional Anteil an den flott-intellektuellen Gesprächen, die Thomas, der Wirtschaftsprofessor ist, mit mir beim Essen und in den Pausen führt. Er hat eine Form des Zuhörens entwickelt, die selbst Gespräch ist und ihn in unser Gespräch miteinbezieht, auch, wenn er kaum ein Wort hervorbringt.
Aus welcher Quelle stammt Renés ungeheuere Positivität und Lebensfreude, die er über die Teilnahme empfindet?
Das Verlassen-Werden von der Partnerin als ewige Frage an mich und das Leben teile ich mit Jörg (rechts im Bild). Er fragt: “Welchen Sinn soll es denn haben, Kinder zu machen, wenn man dann bald auseinandergeht?”. Eine mögliche Antwort: Die Kinder bleiben auch, wenn die Partnerschaft endet. Ich finde in Jörg meinen eigenen Pessimismus wieder, den ich dann wiederum bei Jörg meine, bemerken zu müssen.
Letztlich sind es also ganz normale, gruppentherapeutische Prozesse, die die Unterschiede zwischen Betroffenen und “Begleitern” verwischen, wenn man dies zuläßt.
Auf jeden Fall aber gewinnen beide dabei. Das Seminar hat allen Beteiligten vorgeführt, wie fest das Stammreservoir an Problemen in Menschen mit oder ohne Traumata verankert ist – und die Basis jeden Dialoges bildet.