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9. Nov. 2009

Gastbeitrag von Johanna Sophia, New Berlin, US-Bundesstaat New York

Nathan und Melinda sind sozusagen echte Anthroposophen ohne den Titel. Sie philosophieren und sammeln Information über gesundes Leben und Gentechnik auf ihrer Webseite Raw-Wisdom. Jetzt wollten sie Sonnenergie in ihr Leben bringen. Sonnenwärme, billiges Heisswasser und billigere Heizung wünscht sich fast jeder. Auch möchten viele in diesem Universitätsstädtchen etwas Gutes für unseren Planeten tun. Hier in den Bergen, nördlich von New York City, wird es um diese Jahreszeit sehr schnell sehr kalt. Doch die Solarthermie ist trotzdem noch kaum auf den Dächern zu sehen. Die Leute haben Angst vor der Meinung des Nachbarn und möchten nicht die Ersten sein. Darum ist wohl noch jedes Solarsystem in einem Privathaus eine schwierige Geburt. Aber Nathan und Melinda haben Mut.

Nathan und Melinda2

Nathan und Melinda3

Gegenwärtig schliesse ich gerade den Prozess der Installation eines Solarthermiesystems in Oneonta, New York, ab. Es drängt, weil weitere Aufträge davon abhängen, dass ich wirklich einmal den Verkauf und den Einbau selber von Anfang bis zum Ende begleitet habe und jeden Schritt kenne. Ich war tatsächlich selber auf dem Dach und habe die empfindlichen Glasröhren eingesetzt. Später habe ich mitgeholfen, die frisch geschweissten Kupferrohre doppelt zu isolieren. Ein Protokoll soll jetzt aufgestellt werden, nach dem wir in der Zukunft Fertigungsschritte abhaken, oder Probleme zum Fehlerschritt zurückverfolgen können. Ich steige sozusagen in die nächste Etage der Solartechnik auf: Ich verkaufe jetzt nicht nur die Produkte, ich entwerfe jetzt auch das System im gegebenen Umfeld (ein Privathaus und eine Kirche stehen an) und überwache dann mein Installationsteam während der gesammten Installierung. Nun muss nur noch der Klempner den Hausanschluss an unser bereits funktionierendes Solarsystem anschliessen. Es muss ein örtlich eingetragener Fachmann sein, damit der Käufer die Fördergelder erhalten kann. Dann kommt der Moment der Wahrheit: Wieviel Heisswasser werden unsere Glasröhren auf dem Dach des Käufers nun wirklich auch an einem regnerischen Herbsttag produzieren? Als wir die Röhren einsetzten stieg die Temperatur des Systems innerhalb einer halben Stunde auf 238 Grad Fahrenheit (ca 103 Grad C). Wir waren beeindruckt.

Heute spreche ich endlich mit dem Klempner. Ich hatte ihn die ganze Woche lang nicht erreicht, aber ich erwische ihn jetzt am Samstagmorgen bei sich zuhause. “Ich kann nicht den grossen Job für so einen kleinen unterbrechen”, sagt er mir zuerst. “Montag früh ist ja sowieso Wochendend-Unterbrechung gewesen”, sage ich. “Aber ich kann das Geld nicht vorstrecken”, sagt er. “Kein Problem, ich kann im Voraus bezahlen.” Sage ich, “wir machen das beide zusammen, dann sind wir in zwei Stündchen fertig.” “So schnell geht das nicht.” Sagt er. Und ich weiss, dass er Recht hat. Ich weiss aber auch, dass er sich vor dieser kleinen Aufgabe drückt, weil er zwar ein erfahrener Klempner ist, aber noch nie ein Solarsysthem angeschlossen hat. Ich mach’ noch ein paar Scherze und dann haben wir eine Verabredung für Montag nachmittag. “Ich hab’ ja eigentlich das ganze Zeug, was ich brauche, bloss n’ paar Stück Kupferrohr noch…” sagt er. “Na dann, bis Montag!”

Klempner1

Klempner2

Das Kellerloch ist winzig und der Klempner ist riesig. Wie viele amerikanische Häuser, hat Nathans Haus keinen richtigen Keller sondern nur eine Grube unter einem Teil des Hauses. In dieser Grube drängen sich unorganisiert die selbstgebastelten elektrischen Drähte des Hauses und die Röhren der Heissluftheizung mit dicker Isolierung. Die Technik für jederman ist in Amerika oft recht primitiv. Dies alles wäre soviel geordneter und geradlieniger in Deutschland, denke ich. Hier aber haben wir alle das Gefühl, dass wir etwas Abenteuerliches und Einmaliges geschaffen haben. Denn wir mussten nicht nur um die unregelmässigen Dachfenster herum eine Anlage aufbauen, sondern auch mit diesem Mini-Kellerchen zurechtkommen.

Nathan und Melinda4

Die Anlage ist fertig. Die kleinen Motoren der Pumpen surren leise, weil die Sonnenwärme heisses Wasser produziert. Sonnenenergie ist ein Geschenk, das wir in unsere Häuser aufnehmen können.

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8. Nov. 2009

Nicht nur im Weinbau war die Flurbereinigung einst eine große Errungenschaft der kapitalistischen Planwirtschaft und bildete sozusagen mindestens ästhetisch das bundesdeutsche Pendant zur Kolchose. Im Laufe der Zeit verlor sich aber die Freude an den kargen Agrarsteppen. Und so treffe ich an einem Werktagmorgen zwei Bauarbeiter mit schwerem Gerät:

05112009753

Sie stellen oberhalb von Ballrechten-Dottingen im Markgräflerland am Güterweg des Weinberges wieder eine Trockensteinmauer her. Angeblich geschieht das für die Eidechse und irgendeinen Vogel, aber eigentlich geschieht es aus Sehnsucht, aus Nostalgia. Ich vermute, dass sie keine Bürgerinitiative sind, sondern Profis.

05112009752

Sie sind ein Jüngerer und ein Älterer. Meister und Lehrling. Tatsächlich soll Ballrechten-Dottingen dadurch zum Mekka des Rückbaues werden. Der 2. Süddeutsche Trockenmauerkongress soll gar in der kleinen Gemeinde am Rande des Schwarzwaldes stattfinden. Die investierten Beträge sind gegenüber den einstigen Exzessen der Flurbereinigung eher bescheiden. Auch die Zürcher Bristol-Stiftung gibt Geld. Doch es geht um einen Wendepunkt der deutschen Politik: Um den Abschied von Wachstum, Fortschritt und Rationalisierung – und damit um die längst fällige Rückwendung zum Schönen, Guten und Wahren.

05112009751

Bereits das Bild der Steinmaurer ist ein imposanter Anblick. Gewerke kommen wieder zur Geltung, die bereits ad acta gelegt wurden. Man darf wieder im eigenen Land spazieren, ohne das Gefühl zu bekommen, nur noch von einer Tiefgarage ins Outlet geschickt zu werden. Der Lebensraum wird so zurückerobert, durch winzige, aber sehr kostenintensive Abschnitte.
Noch bin ich morgens um 9 der einzige Beobachter dieses Wandels. Aber bald werden Arbeiter und Studenten, RTL-Gucker und Punks hier staunend flanieren, um anschließend die Besenwirtschaften Ballrechtens zu stürmen. Ich werde dann dabeistehen und still genießen, dass ein alter Lebenstraum von mir wahr wird.
Ach ja, spenden dürfen Sie, geneigte Leser hier natürlich auch:

Sparkasse Staufen-Breisach Konto-Nr. 116 49 12 BLZ 680 523 28
Volksbank Staufen eG Konto-Nr. 630 70 BLZ 680 923 00
     
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6. Nov. 2009

Während in den Einkaufszentren und Fußgängerzonen die austauschbaren Großfilialisten – auch und gerade dm – aufgrund der hohen Mieten für ein weitgehend austauschbares Angebot sorgen, ist in der Vorstadt noch der kleine Gewerbetreibende, pardon, die kleine Friseurmeisterin erlaubt. Ihr Salon ist neben dem Kiosk und der Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt oft der einzige Platz, wo noch Sozialarbeit geleistet wird. Die feinere Dame genießt es, hier zuvorkommend bedient zu werden.

06112009795

Hier kann sie noch drei VW’s als Fuhrpark bezeichnen; Teneriffa ist noch eine besondere Reisedestination. Wir fahren ja nur vor Weihnachten. Weihnachten ist es dort zu vulgär. Der kleine Junge hört die Erzählungen aus der großen weiten Welt und wendet sich dem Duo zu:
06112009789

 Ich beschließe, meine neue Disziplin Suburbocology zu nennen, also die Kunde vom Oikos der Vorstadt, dem sozusagen das Geheimnis der Zivilisation innewohnt, das uns Stadt und Land verbergen, indem sie es mit natürlichen und zivilisatorischen Attraktionen verstellen. Es gibt Bundesländer und Regionen, die nur noch aus Vorstadt bestehen, deren Bewohner und Verwalter dies aber hartnäckig leugnen und als Beweis den Tourismus anführen. Der Suburbocologist aber weiß, dass natürlich auch die Vorstadt Touristenland ist, weil er selbst ja als Tourist kommt und er dort auch auf andere Touristen trifft, etwa auf diesen:

06112009788

 

 

 

Die Schwabinger und Oberländer werden über ihn nicht mehr lachen, wenn er einst Regierungspräsident des Bezirkes Oberbayern ist und die Hanns-Seidel-Medaille bekommt. Bis dahin aber sehen wir ihn nur beim Vorstadtfriseur. Ja, ich kann, sagt sein Lächeln – wer wollte dem widersprechen?
Und so schießt der Autor, der zu Tarnzwecken mit einem vierjährigen Kind auf suburbocology excursion ging, ein unscharfes, aber authentisches Abschiedsfoto:

06112009793

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