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14. Nov. 2009

Ein Beitrag von Johanna Sophia aus den USA

David ist aus Deutschland zu uns nach New York gereist, um einen Schritt weiterzukommen. Die Gesellschaft, oder unser Normensystem, stuft ihn als nicht ganz der Norm entsprechend ein. Er kann nur schwer mathematische Logik nachvollziehen, oder zu schnellen Schlussfolgerungen kommen. Aber er möchte sehr gerne dazugehören. Er möchte gerne die Angst vor dem Urteil der anderen überwinden. Er möchte gerne aufhören, sich selber zu züchtigen, wenn’s nicht gleich klappt. Heute haben wir beschlossen, ein paar Rohkosttage einzurichten. David will selber einige Mahlzeiten zubereiten. Wir wollen die letzten Pickel verlieren und den Designer-Jeans-Zwang überwinden. Vielleicht sogar das Haargel… oder dessen Notwendigkeit.

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Wir wollen auch viel rausgehen.

Die Turnschuhe müssen an, es wird jetzt gerannt und gelaufen und dann der Baum erklettert.

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Jeder soll ein paar mal das „Tarzanseil“ rauf und runter klettern. Schwingen kann man auch ganz toll daran. Meine Kinder Soraya und Takura zeigen David, wie’s geht, während ich ins Haus renne, um die Kamera zu zücken.

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Aber David mag nicht am Seil hängen. Er will seinen eigenen Weg hinauf finden. Er hangelt und rangelt. Und er schafft’s!

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Das Ziel ist erreicht; jedem gelang’s auf seine Weise. Kleine Geschichte, viel Symbolik. Jetzt wird das grosse Rohkostfrühstück gegessen – von David vorbereitet.

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Dann geht’s in den Garten und an die Schularbeit.

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Nach ein paar Wochen kann David Englisch sprechen und hat nicht mehr den Zwang, jeden Tag Gel in die Haare zu schmieren. Er haut sich nicht mehr selber, wenn er etwas nicht gleich richtig macht, läuft fröhlich in T-shirt und Turnhosen rum und erklärt allen, die es hören wollen (oder auch nicht), dass man sich selber heilen kann. Wenn er wieder zuhause in Deutschland ist, will er seinen ganzen Lebenstil mehr selber gestalten, sagt er. „Kann das sein, dass man sich so mehr chillig, so, how you say ‚ruhig’ – ‚calm’, ne? – jedenfalls so mehr ‚calm’ fühlt von dem veganischen und dem Rohkostessen?“ fragt er mich in seinem ganz eigenen Englisch.„Ja, das ist bestimmt so“, sage ich. Und er zählt mir lauter Leute auf, die er auch zum Sophia’s Center schicken will, um das ‚Chillen’ zu lernen.

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Dann macht er eine Zeichnung unseres Hauses für sein Buch.

Ein paar Tage später kommen seine Eltern, sein Bruder und dessen Freundin aus Deutschland zu Besuch. Sie wollen sich kurz Amerika ansehen, mit David zusammen zu den Niagara Fällen fahren und dann mit ihm zurück nachhause. Er zeigt ihnen fröhlich alles, was er so gelernt hat. Seine Familie hat sich aber nicht so stark verändert, wie er. Sie verstehen nicht so schnell, wie viel er jetzt wirklich besser kann und weiss. Sie argumentieren, verteidigen ihr Rauchen, Trinken und ihre ungesunde Diät. Auch das sind ja Normen, die wir geneigt sind „normal“ zu nennen. Oh je, da fällt auch David zurück ins Bockigsein, verweigert sich und verschwindet kurzerhand in der Stadt Niagara. Er hat nichts zum Arbeiten mitgenommen. Nicht einmal ins Tagebuchschreiben kann er sich flüchten. Dann will er eben Shoppen, oder zurück zu Johanna, sagt er, als sie ihn wiederfinden. Er braucht Sinn und sinnvolles Tun in jedem Tag, denke ich, als ich die Geschichte zu hören kriege, wie sie alle wieder bei uns sind. Touristenreisen und Shoppen können diesen Sinn nicht geben. Er muss sinnvolle Beiträge leisten dürfen. Sein Leben soll an Wichtigkeit gewinnen. Auch in den Augen seiner Familie. Wie gut, dass wir noch zwei Tage haben, die Dinge zu besprechen. Uns der Norm anpassed, oder unserem Leben Form geben, was ist uns wichtiger?

Morgen wollen wir hier in der Gegend wandern gehen. David wird sich um die Verpflegung kümmern. Wir werden auch alle draussen ein Landschaftsbild malen oder zeichnen. Da kann er ihnen zeigen, wie das geht! Und dann kann er, wie so oft, auf ein schönes Naturereignins deuten und sein neues Lieblingswort benutzen: AWESOME!

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12. Nov. 2009

Der Begriff erregt Mißtrauen und klingt nach Angeberei. Champagnerrisotto. Was hat ein Volksgericht aus der Poebene mit dem französischen Edelgewächs zu tun? Wir reden nicht groß darüber und versuchen uns stattdessen in dieser Disziplin. Mit 1kg Ochsenschwanz vom Münchner Viktualienmarkt und schwer erhältlichem Risottoreis, einer halben Knolle Sellerie und 5 großen Karotten, mit viel frisch gemahlenem Pfeffer in Ermangelung von Safran, Wacholder und Lorbeer. Zwei Schalotten in reichlich Olivenöl anbraten und 400g Reis (für zwei) in der Pfanne darin wälzen. Dann mit der Ochsenschwanzbrühe aufgiessen. Immer dabei bleiben. Am Ende das köstliche Fleisch vom Ochsenschwanz abtrennen und mit den Gemüsen auf dem Risotto servieren:

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Was war nun mit dem Champagner? Zunächst wurde mit Taittinger ein wirklich trinkbarer Vertreter dieser Gattung ausgewählt, den es auf dem Viktualienmarkt zu nicht übertriebenen 34 Euro gibt. Nicht trinkbar sind nach meiner unmaßgeblichen Meinung insbesondere: Moet&Chandon, Piper Heidsieck, Paul Roger, Lanson, Veuve Clicquot, Laurent Perrier. Das Risotto wird nun buchstäblich in den letzten 30 Sekunden im vollen Aufkochen mit einem Glas Champagner begossen. Dieser schäumt augenblicklich und gibt tatsächlich – wenn man die Pfanne sofort vom Herd nimmt – einen feinherben, saftig-weinigen Gout.

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Wer gerne und of Risotto ißt, weiss, wie groß die Gefahr des zu trockenen und zu wenig saftigen Risottos ist. Manche helfen sich im letzten Moment mit Sahne. Spanier ertränken ihre Paella in Öl. In Milano ist Safran der Bringer. Die Franzosen beherrschen das Entenrisotto. Die Dosage in den letzten Sekunden ist ein sicherer Weg, dem Gericht zum Erfolg zu verhelfen. Dieser Weg kann aber nicht die Brühebasis ersetzen, die herzustellen für Vegetarier ein fast aussichtsloses Unterfangen ist, denn Reis in einer Minestrone zu brühen, macht noch kein Risotto.
08112009798

Insgesamt ist Risotto erheblich aufwendiger als Pasta. Eine Einladung zum Risotto erfordert mindestens 3 Stunden Vorbereitung und man sollte schon einige Risottos gemacht haben, denn die Fehler lauern an jeder Ecke. Zu kurz. Zu lang. Zu hart. Zu durch. Zu trocken. Zu aufgeschwemmt. Zu wenig gesalzen. Runder Reis, erst recht Vollkornreis, saugt Gewürze und Flüssigkeiten, selbst eine Flasche Wein wie nichts auf. Er ist ein schwarzes Loch.
Mit diesen Grundinformationen sollte man sich nicht scheuen, ein Champagnerrisotto zu wagen.
Über die Vorurteile gegenüber dieser Delikatesse wird man dann nur noch schmunzeln.

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10. Nov. 2009

Das Freiburger Staatsarchiv bietet ein sensationelles Foto der Ehrentrudiskapelle auf dem Tuniberg, das uns als Einstimmung auf diese Reportage dienen mag. Ehrentrud soll die Schwester des Heiligen Rupert (650 bis 718) gewesen sein, der wiederum als erster Bischof von Salzburg gilt. In einer anderen Heiligenlegende heißt es, sie habe das Salzburger Frauenkloster Nonnberg gegründet und sei bereits am 30. Juni 623 verstorben.
Ohne dies aufklären zu können, spazierte ich vom Golfplatz Tuniberg über Lieblings-Wege (mit Grasstreifen in der Mitte)…..

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…zu der Kapelle, die sich mir äußerst schottisch-keltisch-irisch gab:

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Schon immer gehörte es zur Dramaturgie von Kultstätten, sie erhöht gegen den Himmel zu präsentieren, weil durch die Sonnenstrahlen so eine Bühnenbelichtung zur Verfügung steht. Innen gewinnen Marienkapellen dadurch an Ausstrahlung, dass in ihnen Kerzen gestiftet werden; Zeichen einer Überschüttung Marias mit Bitten. Jede Kerze steht für eine Bitte. Die Kerzen umringen Maria.

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Ich begebe mich in dieses Kraftfeld mit dem festen Vorsatz, für nichts und niemand etwas zu erbitten. Ich habe nur zu danken und danke in diesem Fall vor Ort, also Maria: Heilige Maria, ich danke Dir für diesen Tag!

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Allerdings sieht man beim Danken nicht weniger lächerlich aus, als beim Bitten. Zu spät.

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