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21. Nov. 2009

Ein Beitrag von Johanna Sophia aus den USA

Wir haben das grosse Glück, zu einem Gospelfestival eingeladen zu sein. Wir lieben live Gospelmusik, mögen aber die stundenlangen Predigen weniger, die bei einem Gospelkirchenbesuch dazugehören. Beim Festival gibt’s die Musik ohne die Kirche.

Um 6 Uhr morgens stehen wir auf. Wir wollen ein anständiges Frühstuck einnehmen vor diesem langen Tag voller Gesang. Dann fahren wir 40 Minuten lang im Morgengrauen von New Berlin nach Oneonta, New York, zum Hartwick College. Es ist Samstag.

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Ich hatte für das Privathaus des Musikdirektors, Prof. Jirka Kratochvil (Hartwick College) ein Solarsystem entworfen. Während wir die Solarthermietechnik besprachen, kamen wir auf Gesangstechniken zu sprechen. Jirka ist Professor für Chormusik und auch ich habe mal auf der Bühne gesungen. Ich erzählte ihm von der Werbeckmethode, die meinem Patenonkel Jürgen Schriefer von der schwedischen Operndiva Werbeck-Sverdstróm übergeben wurde – die Gesangstechnik, die sie mit Dr. Rudolf Steiner zusammen ausgearbeitet hatte. Eine heilende Gesangsschule. Ich war eine der ersten von ‘Onkel Jürgens’ Gesangsschülerinnen und erlebte die Übungen wie tiefe, ekstatische Meditationen, die zu irre schönen Tönen und zu einem seligen Rauschgefühl führten. Besser als Marihuana, dachte ich damals. Ich wurde allerdings keine Jüngerin der Schule der Klangenthüllung und auch keine ‘Waldorfsängerin’. Aber ich benutzte die Übungen und den Ansatz auf Bühnen und vor Filmkameras, wo immer ich auftrat und auch mit meinen Schauspielschülern wo immer ich lehrte.

Jetzt bat Jirka mich, ein Werbeck-Workshop für seine Studenten anzubieten. Habe ich einen Prospekt? fragte er. Aber ich habe keinen und weiss auch nicht, wann ich Zeit haben werde, eine Beschreibung auszuarbeiten. Die Solaranlagen und Solarverkäufe im Sophia’s Center gehen vor, denn damit verdiene ich derzeit unseren Lebensunterhalt. Aber singen würde ich allzugerne mal wieder, gestand ich.

“Dann komm doch zu meinem Gospelfest,” meinte Jirka. Dein Gospelfest?, dachte ich ungläubig. Vor mir sass schliesslich ein weisser Tscheche, der vor 12 Jahren nach Amerika ausgewandert war. Was wusste er von Gospelgesang? Ich versuchte ihn mir mit ausgestreckten Armen, hingebungsvoll  beim “Halleluja!”-jauchzen vorzestellen… aber dafür war er eigentlich zu steif. Er hatte meine Gedanken schon geraten. “Ich habe einen grossartigen amerikanischen Musikprofessor, der das Singen leitet” erklärte er. “Den musst Du erleben.” “Können meine Kinder mitsingen?” wollte ich wissen. “Ja, natürlich, wir haben auch 5 oder 6 High School-Chöre dabei,” war die Antwort. “Wunderbar!”

Also lebten meine Kinder, unser Austauschschüler David und ich auf dieses Ereignis zu, übten sogar täglich Tonleitern mit David und sangen tagelang deutlich mehr als sonst.

Im Gegensatz zu anderen Festivals, in denen verschiedene Gruppen ihre Arbeiten darbieten, sollte dies ein Fest sein, an dem verschiedene Gruppen aus weiten Teilen des Landes einen ganzen Tag lang zusammen sangen und am Abend das erlernte aufführten. Ein aufregendes Konzept, dachte ich. Ganz in meinem Sinne von lebendiger Kunst.

Als wir am College ankommen, erhellt sich der Himmel, aber wir gehen in eine fensterlose Halle. Um 8 Uhr dreissig sollen alle eingeschrieben sein und ihr Namensschild tragen. 16 Kirchenchöre, Seniorenchöre, Universitätschöre und viele individuelle Sänger und Gesangsstudenten versammeln sich in der Sporthalle von Hartwick College. Die Halle ist typisch amerikanisch so richtig un-schön. Es wird ein langer Tag auf harten Plastikbänken. Aber niemand beklagt sich. Hier dabeisein zu dürfen ist ein Privileg. Viele sind gestern abend oder über Nacht mit gecharterten Bussen angereist.

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Um 8 Uhr 45 hält Jirka eine kurze Ansprache. “400 Sänger und Sängerinnen seid ihr, und mit mir sind wir 401,” zählt er auf. “Letztes Jahr 150, dieses Jahr 401, nächstes Jahr 800?” Jirka ist sichtlich aufgeregt. Wir bekommen unsere Notenhefter. Aber da sind gar keine Noten drin sondern nur Texte!

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Wir werden 6 vierstimmige Lieder nach Gehör einstudieren und diese am Abend aufführen, erklärt Jirka. HA! So haben wir das Liederlernen am Waldorflehrerinstitut Witten-Annen auch gemacht. Aber nicht gleich sechs auf einmal und nicht mit 400 Menschen.

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Tochter Soraya und ich sitzen im Sopran;  Sohn Takura und David holen noch Wasserflaschen und gesellen sich etwas verspätet zu den Bässen. Sie sind jung, aber haben kraftvolle Stimmen.

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Dann kommt ein kleiner Mann, den ich vorhin zufällig im Vorübergehen fotografierte, weil er so locker aber autoritativ mit Studenten plauderte, und stellt sich ans Klavier.

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“Please welcome the great, the ingenius, Prof. Dr. Raymond Wise!” sind Jirka’s letzte Worte an uns, den Chor. Wir applaudieren und erheben uns, ihn zu begrüssen.

Statt uns seine ganze Karriere zu erzählen, singt er uns erst einmal etwas vor. Wir staunen nur noch. Er singt vom tiefen Bass bis in die Königin-der-Nacht Register im hohen Sopran. Unglaublich. Und alles mit Leichtigkeit und Geschmeidigkeit, ohne je zu drücken.

Dann erklärt er, wie man das macht. “Nnnnn” durch die Nase singen,“ beginnt er, „die Nasenlöcher blähen, die Resonanzräume der Kiefern öffnen, den Rachenraum nach hinten öffnen, das Kinn lockern, hin und her wackeln, den Klang im “OOOO” um die Innenräume und rund um den Kopf herum klingen lassen. Er demonstriert, wir machen nach, seine Augen werden gross, wie bei einer Kuh, die gerade ein Kalb gebährt (das habe ich einmal miterlebt), in völliger Hingabe an den sich gebährenden Ton. Das kommt mir alles ganz und gar bekannt vor, das ist auch die Werbeckschule der Klangenthüllung! Ich benutze alles, was ich bei Jürgen gelernt habe und erkenne, dass Raymond Wise denselben Ansatz gefunden hat. Dann kommt noch die Kraft des Irdischen dazu: “Der Ton kann seine volle Grösse and Leuchtkraft entfalten, wenn wir ihn tief im Becken, mit den unteren Bauchmuskeln tragen,” sagt Dr. Wise und demonstriert auch das, indem er einen Sänger bittet, ihn mehrmals mit der Faust in den Bauch zu schlagen, während er seinen grossen “OOO”-Ton singt. Der Ton wackelt nicht einmal und verliert nicht an Kraft. “Das funktioniert auch für die ganz hohen Töne, erklärt er weiter. Je höher wir kommen, desto mehr müssen wir den Bauchraum nach unten öffnen, schieben and halten, die Muskulatur dort anspannen, während der Kopf ganz locker bleibt. Dann kommt man womöglich eine halbe Oktave höher, als sonst,” schliesst er und lacht. “Ich weiss, das ist viel auf einmal, aber versucht es.”

Dann lernen wir das erste Lied. Wir lernen in musikalischen Abschnitten, gleich mit Phrasierung und Dynamik und Worten. Gleich mit Hingabe. Während die anderen ihre Stimmen lernen, dürfen wir unsere eigene leise mitsummen. Es ist ein einfaches Lied und das geht unheimlich schnell. Das ganze Lied ist innerhalb von zehn Minuten von allen ergriffen und wir singen es gemainsam. Das nächste ist schon komplizierter und dreimal so lang. Es wird nicht nur einfach gesungen, sondern es gehören auch Bewegungen dazu. Das dritte und vierte folgen. „Der macht viel zu schnell!“ flüstern wir uns zu.

In der kurzen Mittagspause gehen wir statt zur Mensa zum grünen Laden in der Nähe und jeder darf sich ein Bio-Sandwich aussuchen. Dann geht die Arbeit gleich weiter. Eine halbe Stunde vor dem Konzert ist Pause. Raymond fordert uns auf, kaum zu sprechen, frische Luft zu schnappen und die Muskulatur zu lockern. Wir trinken Wasser, atmen und entspannen. Der ganze Körper scheint zu vibrieren. Das ist wieder dieser Rausch, denke ich. Die Sänger lächeln alle geheimnisvoll. Wir sind wie in Trance.

Die Halle wird rappelvoll. Auf der einen Seite rappelvoll mit uns Sängern und auf der anderen und im Mittelfeld mit Zuhörern. Kinder, Eltern, Grosseltern und Studenten, alle sind sie da. Keiner von uns Sängern glaubt, dass wir die Lieder alle erinnern können. Gottseidank wird die zweite Hälfte des Konzerts von einem professionellen Gospelchor bestritten, denken wir.

Aber das Wunder geschieht: Sobald die ersten Akkorde eines Liedes angeschlagen werden, ist alles wieder im Gedächtnis. Und wo man trotzdem unsicher zu sein glaubt, trägt einen der Gruppengeist mit. Ich konzentriere mich wie noch nie in meinem Leben auf die Töne, die sich in mir gestalten. Sie sind zart und weich und glockenhaft, aber dann lasse ich sie wachsen und sie werden gross und laut und werden tief unten im Bauch von den Beckenknochen gehalten… es kribbelt alles! Die Klänge werden noch viel besser, als heute morgen, weil sich die Intensität und die eigenen Gestaltungskräfte während der ‘Darbietung’ vor anderen vervielfachen. Noch nie in meinem Leben habe ich so laut und doch so leicht gesungen. Ich bin ganz Ton und ganz Hingabe an die Grösse des Klangs in mir und um mich herum. Rechts neben mir singt eine blinde Dame, die sich bei mir eingehakt hat, damit sie die Schritte und Bewegungen nicht verpasst, wenn sie von Raymond per Handzeichen spontan wiederholt oder geändert werden. Meine blinde Nachbarin hat alle Texte schon nach einmal hören gelernt, denn sie hat keinen Brailtext. Links neben mir singt meine Tochter mit ihrer klaren, schönen Stimme.

Nach dem langen Applaus, der zu einem Lied mit Beteiligung aller Anwesenden inklusive des gesammten Publikums führt, ist das Gospelfest tatsächlich abgeschlossen. Man sieht viele Freudentränen oder Tränen der tiefen Gefühlsrührung und ein unglaubliches Strahlen auf den Gesichtern.

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Während unsere Jungs schon glücklich und hungrig zum Chinesen eilen, lässt sich Soraya noch mit dem Maestro fotografieren. Wir sind uns alle einig: Dr. Raymond Wise ist ein grosser Meister. Er freut sich darauf, bald wieder mit uns singen zu können, sagt er ihr.

Es war ein unglaublich intensiver Tag. Die Eindrücke und die Lieder werden uns ein Leben lang begleiten. Gesang ist ein Geschenk. Und wenn wir uns die Klänge nach Werbeck-Gospel-Methode erobern – oder besser gesagt, sie in uns und durch uns hindurch erklingen lassen, dann haben wir nicht nur Spass, sondern heilen auch beim Singen Körper und Seele. Tolle Sache.

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18. Nov. 2009

Sonnenuhren sind eine seltene Erscheinung geworden. Das hat keine ästhetisch-kulturellen Gründe, denn Sonnenuhren liegen meist ausgesprochen schön. So wie diese am Tor der alten Burg von Bad Reichenhall:

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 Dieses Bild vermittelt einen Hauch edelbäurischen Südtirols, obwohl Bad Reichenhall kaum Bauern und Bürger zu seinen Einwohnern zählte und zählt, sondern bis heute nur Beamte und Leibeigene. Die Sonnenuhr wurde von mir um 10 Uhr 15 fotografiert:

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Mit Bedauern stellte ich fest, dass sie falsch ging. Es ist auf ihr Viertel nach Neun. Sonnenuhren waren nie darauf vorbereitet, Winter- und Sommerzeit anzuzeigen. Auch Schaltjahre lagen ihnen nicht. Sie zeigten die Zeit für eine Bevölkerung, die noch einem Tagesablauf folgte.

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Dieser endete sinnvollerweise um 19 Uhr. Und ebenso sinnig begann er nicht wie der Berufsalltag in Münchner und Kölner Suburbs um 5.30 Uhr im Finstern. Durch die Befolgung der Zeitchancen, die eine Sonnenuhr eröffnet, gewinnt man Lebenszeit. Vor Neun zeigt die Uhr gar nix an. Zeit für Kuscheln, Kinder und Frühstück, Zeitungslesen und Morgenspaziergang. Dann geht es im Tagwerk endlos langsam auf die Mittagszeit zu, in der man üppig speist: Brot mit Wurst und Käse, Pasta, Safranrisotto, Braten, gegrillten Fisch, dazu kräftig Bier und Wein. Dazu passend beschleunigt die Sonnenuhr ihre Intervalle, um dann bei der Wiederaufnahme der Arbeit nach dem Ende der vierstündigen Siesta, also zwischen 16 und 19 Uhr, wieder langsamer zu werden. So kann nämlich mehr Arbeit erledigt werden. Manche südeuropäischen Völker leben noch im Rhythmus der Sonnenuhr, solarchron, obwohl es diese auch dort nicht mehr gibt. Unsereins wünschte, nach der Sonnenuhr leben zu dürfen und weiß natürlich, dass das nur dadurch möglich würde, dass andere dies nicht dürfen, die zu niedrigeren Löhnen und ungünstigeren Zeiten für mich, den Nach-der-Sonnenuhr-Lebenden arbeiten. Mit diesem Ärger möchte ich dann doch nicht leben und stehe mit den anderen Pendlern auf, meine Fron für die Erben und Pensionäre zu erbringen, die von Mozart und Orff, von Yoga und Bhutan, von Anthroposophie, Cornwall und Cézanne schwärmen, vom wertvollen Kulturgut der Menschheit, während wir nicht einmal die Muße haben, auch nur das Feuilleton der NZZ täglich zu lesen.

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16. Nov. 2009

Der private Grundbesitz ist in den deutschsprachigen Ländern – wozu ich auch Südtirol und Luxembourg zähle – der einzige Wert, der beide Weltkriege und auch den Zusammenbruch der DDR überlebt hat. Wem es gelungen ist, über diese Zeiträume Grundbesitz in beliebiger Größe zu bewahren, hat mit diesem eine zumindest große steuerliche Freude, denn weder wurde der Wertzuwachs des Besitzes je besteuert, noch unterliegt er einer Vermögens- und nur in seltenen Fällen einer Erbschaftssteuer.
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 Wir, die wir auf jeden legal verdienten Euro gleich 70 Cent an Steuern und Sozialabgaben abführen müssen, kommen dabei natürlich leicht auf dumme Gedanken. Damit diese nicht in Taten münden, gibt es Hinweise, die unsere Überlegungen bereits im Vorfeld beerdigen.
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 Aus der Besichtigung könnte nämlich das Gefühl entstehen, das Steuerprivileg sei doch eigentlich überholt. Als ob wir das beurteilen könnten! Wissen wir denn, wie aufwendig es ist, ein Schloss, eine Villa, 32 Mietshäuser oder 4000 Hektar Wald zu unterhalten? Wissen wir, wie lange es dauert, bis Ackerland in Wiesenland, Wiesenland in Gewerbegrund, Gewerbegrund in Wohngrund umgewidmet ist? Was ein FNP und eine GFZ sind?
Nichts wissen wir. Und deshalb sollten wir uns an jenen Besitztümern erfreuen, die auch für uns bereitsgestellt sind und die wir sozusagen nur noch aufsammeln müssen:

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Ein freundlicher Grundbesitzer hat uns dieses Geschenk gemacht, damit wir nicht nur Negatives über privaten Grundbesitz verbreiten. Bezahlt hat es die Europäische Union, der er vergessen hatte mitzuteilen, dass er noch Kartoffeln anbaute, obwohl doch schon die Flächenförderung lief. Was also tun, um die Prämie nicht zurückzahlen zu müssen? Richtig, die Kartoffeln auf dem Feld liegen lassen. Wir haben sie von unseren Steuergeldern ja eh schon bezahlt.

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