Gastbeitrag von Johanna Sophia, New Berlin, US-Bundesstaat New York
Nathan und Melinda sind sozusagen echte Anthroposophen ohne den Titel. Sie philosophieren und sammeln Information über gesundes Leben und Gentechnik auf ihrer Webseite Raw-Wisdom. Jetzt wollten sie Sonnenergie in ihr Leben bringen. Sonnenwärme, billiges Heisswasser und billigere Heizung wünscht sich fast jeder. Auch möchten viele in diesem Universitätsstädtchen etwas Gutes für unseren Planeten tun. Hier in den Bergen, nördlich von New York City, wird es um diese Jahreszeit sehr schnell sehr kalt. Doch die Solarthermie ist trotzdem noch kaum auf den Dächern zu sehen. Die Leute haben Angst vor der Meinung des Nachbarn und möchten nicht die Ersten sein. Darum ist wohl noch jedes Solarsystem in einem Privathaus eine schwierige Geburt. Aber Nathan und Melinda haben Mut.
Gegenwärtig schliesse ich gerade den Prozess der Installation eines Solarthermiesystems in Oneonta, New York, ab. Es drängt, weil weitere Aufträge davon abhängen, dass ich wirklich einmal den Verkauf und den Einbau selber von Anfang bis zum Ende begleitet habe und jeden Schritt kenne. Ich war tatsächlich selber auf dem Dach und habe die empfindlichen Glasröhren eingesetzt. Später habe ich mitgeholfen, die frisch geschweissten Kupferrohre doppelt zu isolieren. Ein Protokoll soll jetzt aufgestellt werden, nach dem wir in der Zukunft Fertigungsschritte abhaken, oder Probleme zum Fehlerschritt zurückverfolgen können. Ich steige sozusagen in die nächste Etage der Solartechnik auf: Ich verkaufe jetzt nicht nur die Produkte, ich entwerfe jetzt auch das System im gegebenen Umfeld (ein Privathaus und eine Kirche stehen an) und überwache dann mein Installationsteam während der gesammten Installierung. Nun muss nur noch der Klempner den Hausanschluss an unser bereits funktionierendes Solarsystem anschliessen. Es muss ein örtlich eingetragener Fachmann sein, damit der Käufer die Fördergelder erhalten kann. Dann kommt der Moment der Wahrheit: Wieviel Heisswasser werden unsere Glasröhren auf dem Dach des Käufers nun wirklich auch an einem regnerischen Herbsttag produzieren? Als wir die Röhren einsetzten stieg die Temperatur des Systems innerhalb einer halben Stunde auf 238 Grad Fahrenheit (ca 103 Grad C). Wir waren beeindruckt.
Heute spreche ich endlich mit dem Klempner. Ich hatte ihn die ganze Woche lang nicht erreicht, aber ich erwische ihn jetzt am Samstagmorgen bei sich zuhause. “Ich kann nicht den grossen Job für so einen kleinen unterbrechen”, sagt er mir zuerst. “Montag früh ist ja sowieso Wochendend-Unterbrechung gewesen”, sage ich. “Aber ich kann das Geld nicht vorstrecken”, sagt er. “Kein Problem, ich kann im Voraus bezahlen.” Sage ich, “wir machen das beide zusammen, dann sind wir in zwei Stündchen fertig.” “So schnell geht das nicht.” Sagt er. Und ich weiss, dass er Recht hat. Ich weiss aber auch, dass er sich vor dieser kleinen Aufgabe drückt, weil er zwar ein erfahrener Klempner ist, aber noch nie ein Solarsysthem angeschlossen hat. Ich mach’ noch ein paar Scherze und dann haben wir eine Verabredung für Montag nachmittag. “Ich hab’ ja eigentlich das ganze Zeug, was ich brauche, bloss n’ paar Stück Kupferrohr noch…” sagt er. “Na dann, bis Montag!”
Das Kellerloch ist winzig und der Klempner ist riesig. Wie viele amerikanische Häuser, hat Nathans Haus keinen richtigen Keller sondern nur eine Grube unter einem Teil des Hauses. In dieser Grube drängen sich unorganisiert die selbstgebastelten elektrischen Drähte des Hauses und die Röhren der Heissluftheizung mit dicker Isolierung. Die Technik für jederman ist in Amerika oft recht primitiv. Dies alles wäre soviel geordneter und geradlieniger in Deutschland, denke ich. Hier aber haben wir alle das Gefühl, dass wir etwas Abenteuerliches und Einmaliges geschaffen haben. Denn wir mussten nicht nur um die unregelmässigen Dachfenster herum eine Anlage aufbauen, sondern auch mit diesem Mini-Kellerchen zurechtkommen.
Die Anlage ist fertig. Die kleinen Motoren der Pumpen surren leise, weil die Sonnenwärme heisses Wasser produziert. Sonnenenergie ist ein Geschenk, das wir in unsere Häuser aufnehmen können.





Liebe Johanna! Ein wundervoller Beitrag, der Alltagsleben mit Idealen vereint und durch die Fotos eine Reportage wird. So ein Reportagemagazin wünsche ich mir, wo man Menschen sieht, die etwas aufbauen und stolz darauf sind. Dass Du in Deinem Alter (das ich nicht kenne) noch anfängst, Solarthermieunternehmerin zu werden, während Deine deutschen Altersgenossinen sich zwischen Volkshochschule, Geistheilung und Wartezimmer passiv berieseln lassen, bis sie dement werden, ist in jeder Hinsicht berichtens- und bemerkenswert. Ich bin schon gespannt auf Deine nächsten Reportagen.
P.S. Wo hat eigentlich Thoreau (”Walden”) seine Hütte gehabt? Bei Dir in der Gegend?
9. Nov. 2009 | #
aha, wir dachten schon. Sie seinen nicht nur zwischen Basel und Salzburg unterwegs sondern z.Z. in NY – aber es gibt Korrespondentinnen, danke für den schönen Beitrag, wir bewundern solche Initiative !
10. Nov. 2009 | #
Danke für das Lob und die Kommentare. Ich bin 56 und mein Leben fühlt sich ganz frisch und immer wieder neu an. Ich habe noch vieles vor, gehe regelmässig laufen und bin wohl, was man ‘kerngesund’ nennt.
Der nächste Beitrag ist schon fast fertig. Und bald gibt’s Beiträge über Gospel und Werbeck-Gesang, eine geplante Reise in den Süden und einiges mehr …
11. Nov. 2009 | #