Sonnenuhren sind eine seltene Erscheinung geworden. Das hat keine ästhetisch-kulturellen Gründe, denn Sonnenuhren liegen meist ausgesprochen schön. So wie diese am Tor der alten Burg von Bad Reichenhall:
Dieses Bild vermittelt einen Hauch edelbäurischen Südtirols, obwohl Bad Reichenhall kaum Bauern und Bürger zu seinen Einwohnern zählte und zählt, sondern bis heute nur Beamte und Leibeigene. Die Sonnenuhr wurde von mir um 10 Uhr 15 fotografiert:
Mit Bedauern stellte ich fest, dass sie falsch ging. Es ist auf ihr Viertel nach Neun. Sonnenuhren waren nie darauf vorbereitet, Winter- und Sommerzeit anzuzeigen. Auch Schaltjahre lagen ihnen nicht. Sie zeigten die Zeit für eine Bevölkerung, die noch einem Tagesablauf folgte.
Dieser endete sinnvollerweise um 19 Uhr. Und ebenso sinnig begann er nicht wie der Berufsalltag in Münchner und Kölner Suburbs um 5.30 Uhr im Finstern. Durch die Befolgung der Zeitchancen, die eine Sonnenuhr eröffnet, gewinnt man Lebenszeit. Vor Neun zeigt die Uhr gar nix an. Zeit für Kuscheln, Kinder und Frühstück, Zeitungslesen und Morgenspaziergang. Dann geht es im Tagwerk endlos langsam auf die Mittagszeit zu, in der man üppig speist: Brot mit Wurst und Käse, Pasta, Safranrisotto, Braten, gegrillten Fisch, dazu kräftig Bier und Wein. Dazu passend beschleunigt die Sonnenuhr ihre Intervalle, um dann bei der Wiederaufnahme der Arbeit nach dem Ende der vierstündigen Siesta, also zwischen 16 und 19 Uhr, wieder langsamer zu werden. So kann nämlich mehr Arbeit erledigt werden. Manche südeuropäischen Völker leben noch im Rhythmus der Sonnenuhr, solarchron, obwohl es diese auch dort nicht mehr gibt. Unsereins wünschte, nach der Sonnenuhr leben zu dürfen und weiß natürlich, dass das nur dadurch möglich würde, dass andere dies nicht dürfen, die zu niedrigeren Löhnen und ungünstigeren Zeiten für mich, den Nach-der-Sonnenuhr-Lebenden arbeiten. Mit diesem Ärger möchte ich dann doch nicht leben und stehe mit den anderen Pendlern auf, meine Fron für die Erben und Pensionäre zu erbringen, die von Mozart und Orff, von Yoga und Bhutan, von Anthroposophie, Cornwall und Cézanne schwärmen, vom wertvollen Kulturgut der Menschheit, während wir nicht einmal die Muße haben, auch nur das Feuilleton der NZZ täglich zu lesen.















