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18. Nov. 2009

Sonnenuhren sind eine seltene Erscheinung geworden. Das hat keine ästhetisch-kulturellen Gründe, denn Sonnenuhren liegen meist ausgesprochen schön. So wie diese am Tor der alten Burg von Bad Reichenhall:

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 Dieses Bild vermittelt einen Hauch edelbäurischen Südtirols, obwohl Bad Reichenhall kaum Bauern und Bürger zu seinen Einwohnern zählte und zählt, sondern bis heute nur Beamte und Leibeigene. Die Sonnenuhr wurde von mir um 10 Uhr 15 fotografiert:

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Mit Bedauern stellte ich fest, dass sie falsch ging. Es ist auf ihr Viertel nach Neun. Sonnenuhren waren nie darauf vorbereitet, Winter- und Sommerzeit anzuzeigen. Auch Schaltjahre lagen ihnen nicht. Sie zeigten die Zeit für eine Bevölkerung, die noch einem Tagesablauf folgte.

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Dieser endete sinnvollerweise um 19 Uhr. Und ebenso sinnig begann er nicht wie der Berufsalltag in Münchner und Kölner Suburbs um 5.30 Uhr im Finstern. Durch die Befolgung der Zeitchancen, die eine Sonnenuhr eröffnet, gewinnt man Lebenszeit. Vor Neun zeigt die Uhr gar nix an. Zeit für Kuscheln, Kinder und Frühstück, Zeitungslesen und Morgenspaziergang. Dann geht es im Tagwerk endlos langsam auf die Mittagszeit zu, in der man üppig speist: Brot mit Wurst und Käse, Pasta, Safranrisotto, Braten, gegrillten Fisch, dazu kräftig Bier und Wein. Dazu passend beschleunigt die Sonnenuhr ihre Intervalle, um dann bei der Wiederaufnahme der Arbeit nach dem Ende der vierstündigen Siesta, also zwischen 16 und 19 Uhr, wieder langsamer zu werden. So kann nämlich mehr Arbeit erledigt werden. Manche südeuropäischen Völker leben noch im Rhythmus der Sonnenuhr, solarchron, obwohl es diese auch dort nicht mehr gibt. Unsereins wünschte, nach der Sonnenuhr leben zu dürfen und weiß natürlich, dass das nur dadurch möglich würde, dass andere dies nicht dürfen, die zu niedrigeren Löhnen und ungünstigeren Zeiten für mich, den Nach-der-Sonnenuhr-Lebenden arbeiten. Mit diesem Ärger möchte ich dann doch nicht leben und stehe mit den anderen Pendlern auf, meine Fron für die Erben und Pensionäre zu erbringen, die von Mozart und Orff, von Yoga und Bhutan, von Anthroposophie, Cornwall und Cézanne schwärmen, vom wertvollen Kulturgut der Menschheit, während wir nicht einmal die Muße haben, auch nur das Feuilleton der NZZ täglich zu lesen.

16. Nov. 2009

Der private Grundbesitz ist in den deutschsprachigen Ländern – wozu ich auch Südtirol und Luxembourg zähle – der einzige Wert, der beide Weltkriege und auch den Zusammenbruch der DDR überlebt hat. Wem es gelungen ist, über diese Zeiträume Grundbesitz in beliebiger Größe zu bewahren, hat mit diesem eine zumindest große steuerliche Freude, denn weder wurde der Wertzuwachs des Besitzes je besteuert, noch unterliegt er einer Vermögens- und nur in seltenen Fällen einer Erbschaftssteuer.
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 Wir, die wir auf jeden legal verdienten Euro gleich 70 Cent an Steuern und Sozialabgaben abführen müssen, kommen dabei natürlich leicht auf dumme Gedanken. Damit diese nicht in Taten münden, gibt es Hinweise, die unsere Überlegungen bereits im Vorfeld beerdigen.
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 Aus der Besichtigung könnte nämlich das Gefühl entstehen, das Steuerprivileg sei doch eigentlich überholt. Als ob wir das beurteilen könnten! Wissen wir denn, wie aufwendig es ist, ein Schloss, eine Villa, 32 Mietshäuser oder 4000 Hektar Wald zu unterhalten? Wissen wir, wie lange es dauert, bis Ackerland in Wiesenland, Wiesenland in Gewerbegrund, Gewerbegrund in Wohngrund umgewidmet ist? Was ein FNP und eine GFZ sind?
Nichts wissen wir. Und deshalb sollten wir uns an jenen Besitztümern erfreuen, die auch für uns bereitsgestellt sind und die wir sozusagen nur noch aufsammeln müssen:

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Ein freundlicher Grundbesitzer hat uns dieses Geschenk gemacht, damit wir nicht nur Negatives über privaten Grundbesitz verbreiten. Bezahlt hat es die Europäische Union, der er vergessen hatte mitzuteilen, dass er noch Kartoffeln anbaute, obwohl doch schon die Flächenförderung lief. Was also tun, um die Prämie nicht zurückzahlen zu müssen? Richtig, die Kartoffeln auf dem Feld liegen lassen. Wir haben sie von unseren Steuergeldern ja eh schon bezahlt.

14. Nov. 2009

Ein Beitrag von Johanna Sophia aus den USA

David ist aus Deutschland zu uns nach New York gereist, um einen Schritt weiterzukommen. Die Gesellschaft, oder unser Normensystem, stuft ihn als nicht ganz der Norm entsprechend ein. Er kann nur schwer mathematische Logik nachvollziehen, oder zu schnellen Schlussfolgerungen kommen. Aber er möchte sehr gerne dazugehören. Er möchte gerne die Angst vor dem Urteil der anderen überwinden. Er möchte gerne aufhören, sich selber zu züchtigen, wenn’s nicht gleich klappt. Heute haben wir beschlossen, ein paar Rohkosttage einzurichten. David will selber einige Mahlzeiten zubereiten. Wir wollen die letzten Pickel verlieren und den Designer-Jeans-Zwang überwinden. Vielleicht sogar das Haargel… oder dessen Notwendigkeit.

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Wir wollen auch viel rausgehen.

Die Turnschuhe müssen an, es wird jetzt gerannt und gelaufen und dann der Baum erklettert.

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Jeder soll ein paar mal das „Tarzanseil“ rauf und runter klettern. Schwingen kann man auch ganz toll daran. Meine Kinder Soraya und Takura zeigen David, wie’s geht, während ich ins Haus renne, um die Kamera zu zücken.

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Aber David mag nicht am Seil hängen. Er will seinen eigenen Weg hinauf finden. Er hangelt und rangelt. Und er schafft’s!

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Das Ziel ist erreicht; jedem gelang’s auf seine Weise. Kleine Geschichte, viel Symbolik. Jetzt wird das grosse Rohkostfrühstück gegessen – von David vorbereitet.

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Dann geht’s in den Garten und an die Schularbeit.

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Nach ein paar Wochen kann David Englisch sprechen und hat nicht mehr den Zwang, jeden Tag Gel in die Haare zu schmieren. Er haut sich nicht mehr selber, wenn er etwas nicht gleich richtig macht, läuft fröhlich in T-shirt und Turnhosen rum und erklärt allen, die es hören wollen (oder auch nicht), dass man sich selber heilen kann. Wenn er wieder zuhause in Deutschland ist, will er seinen ganzen Lebenstil mehr selber gestalten, sagt er. „Kann das sein, dass man sich so mehr chillig, so, how you say ‚ruhig’ – ‚calm’, ne? – jedenfalls so mehr ‚calm’ fühlt von dem veganischen und dem Rohkostessen?“ fragt er mich in seinem ganz eigenen Englisch.„Ja, das ist bestimmt so“, sage ich. Und er zählt mir lauter Leute auf, die er auch zum Sophia’s Center schicken will, um das ‚Chillen’ zu lernen.

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Dann macht er eine Zeichnung unseres Hauses für sein Buch.

Ein paar Tage später kommen seine Eltern, sein Bruder und dessen Freundin aus Deutschland zu Besuch. Sie wollen sich kurz Amerika ansehen, mit David zusammen zu den Niagara Fällen fahren und dann mit ihm zurück nachhause. Er zeigt ihnen fröhlich alles, was er so gelernt hat. Seine Familie hat sich aber nicht so stark verändert, wie er. Sie verstehen nicht so schnell, wie viel er jetzt wirklich besser kann und weiss. Sie argumentieren, verteidigen ihr Rauchen, Trinken und ihre ungesunde Diät. Auch das sind ja Normen, die wir geneigt sind „normal“ zu nennen. Oh je, da fällt auch David zurück ins Bockigsein, verweigert sich und verschwindet kurzerhand in der Stadt Niagara. Er hat nichts zum Arbeiten mitgenommen. Nicht einmal ins Tagebuchschreiben kann er sich flüchten. Dann will er eben Shoppen, oder zurück zu Johanna, sagt er, als sie ihn wiederfinden. Er braucht Sinn und sinnvolles Tun in jedem Tag, denke ich, als ich die Geschichte zu hören kriege, wie sie alle wieder bei uns sind. Touristenreisen und Shoppen können diesen Sinn nicht geben. Er muss sinnvolle Beiträge leisten dürfen. Sein Leben soll an Wichtigkeit gewinnen. Auch in den Augen seiner Familie. Wie gut, dass wir noch zwei Tage haben, die Dinge zu besprechen. Uns der Norm anpassed, oder unserem Leben Form geben, was ist uns wichtiger?

Morgen wollen wir hier in der Gegend wandern gehen. David wird sich um die Verpflegung kümmern. Wir werden auch alle draussen ein Landschaftsbild malen oder zeichnen. Da kann er ihnen zeigen, wie das geht! Und dann kann er, wie so oft, auf ein schönes Naturereignins deuten und sein neues Lieblingswort benutzen: AWESOME!

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