Kategorien

Links

Meta

29. Nov. 2009

Wenig verletzt mehr als Worte. Und wer kann also mehr verletzen, als ein scharfzüngiger Schriftsteller? Über Architektur hat sich der Prince of Wales öfters geäußert, nicht unbedingt nur britisch. Er hatte dabei meine ungeteilte Sympathie. Im schweizerischen Dornach steht ein Gebäude, das den Namen von Deutschlands bekanntester Geistesgröße trägt. Nachdem der Architekt zuletzt zahlreicher, unguter und politisch inkorrekter Auffassungen bezichtigt, nach Auffassung einiger Kritiker überführt wurde, wohin auch nur zu verlinken dem Autor widerstrebt, erinnert sich der chronische Kritiker an seine antiautoritäre Erziehung und an das Prinzip von Flowerpower. Die Bildsprache der Blüten ist am höchsten in Japan und China entwickelt. Die Kirschblüte ist das Basismotiv einer bei uns wenig verbreiteten, harmoniesüchtigen Zeichenweise, die sich durch ihre Farbenpracht und Grösse von den Rosenbildern einheimischer Gartenliebhaberinnen absetzt. Als Rollbilder, von denen ich in Peking einige erworben habe, sind sie oft 2 mal 1 Meter groß.

Kirschblüte
Die chinesische Gesellschaft kennt kaum ein Nein. Kunst in einer Gesellschaft ohne Nein muss anders sein, als in einer Gesellschaft mit der Pflicht zur Kritik. Lassen sich die asiatische Höflichkeit und ihr Harmonieprinzip auf die konfliktträchtigen Diskurslinien der europäischen Geistesgeschichte anwenden? Ja, wenn sich am 19. November 2009 eine historische Chance ergibt:

19112009851

19112009850

19112009854

19112009853

Eine Blüte, die am 19. November blüht, riskiert, am nächsten Tag zu erfrieren. Wer wird ihre mutige Tat beachten und verewigen, die doch ganz am Rande, am Hintereingang hinter dem Parkplatz stattfindet, während auf der repräsentativen Vorderseite selbst einfachste Bepflanzung unerwünscht ist?

Und so blühst Du
wenn und wo nichts blüht
wo dürres Geäst, Gebein und Grabesstein
der Knospen Kraft zerbrechen
doch holen Blüten, Wurzeln, Stämme
bei Mayas und in Angkor Wat
dereinst mit Flowerpower
die Grüft’ ins Leben uns zurück
ziehn’ Moose über Mauern

24. Nov. 2009

Einst wurde ein Professor aus Bologna dadurch bekannt, dass er Zeichen interpretierte. Die Semiotik blieb bis heute eine Eingeweihtenreligion, die aber in den Kommunikationswissenschaften noch immer Pflichtlektüre ist. Bis heute inspiriert sie Studenten und Werber zur Platzierung von ihrer Ansicht nach sinnigen Slogans in kontrastreichem Environment:

11112009832

Mit der Aufforderung “Denk Mal!” wird eine Zielgruppe angesprochen, die es so nie gab und auch nie geben kann: Jene, die sich selbst für unaufgeklärt und denkbedürftig halten. Der alte Brunnen auf dem Basler Leonhardsberg hat sicher schon Tausende Freigeister gesehen, die – wie ich – aus den totalitären Nachbarstaaten in die Eidgenossenschaft exiliert sind. Diese dürfen nun lesen EDUCATION IS NOT FOR SALE. Nicht? Wovon sollen wir intellektuellen Exilanten dann in der Schweiz leben? Immerhin zeugt die Graffity unterhalb des Leonhardsberges von umfassender und gutverkaufter Bildung:

11112009835

Viele Menschen sehen – eben wegen den semiotischen Verzögerungen in Zeichenverstehensprozessen – in Basel noch aus, als lebten sie in den 70er Jahren. Vermutlich wissen sie nicht, was es heißt, ein solches Foto spontan machen zu dürfen: Der Herr wirkt, als stünde er auf der Abbey Road. The Dark Side of The Moon (siehe das Bild hinter dem Kopf des Spaziergängers) von Pink Floyd erschien 1973. Ein Album, das noch heute bei Amazon auf Platz 1.345 steht.
Beide Aktionen, der Brunnenspruch und die Graffity, sind durch den Glauben verbunden, trotz Fernsehen und Internet könnten Botschaften im Außenbereich noch wirken. Ich habe einst ein Wage zu denken am 3. Oktober 1990 über die Leipziger Strasse in Berlin gehängt, was 15.000 Mark kostete. Der FAZ-Spaziergänger schrieb dann in seinem Bericht zur kulturellen Einheitsbetrachtung, beide Deutschlands benötigten keine Mahnungen von Philosophenkönigen.
Deshalb kann ich heute entspannt auf die Aktionskunst im Außenraum blicken und mich freuen, dass trotz der Aufforderung, Bildung nur zu verschenken, diese noch ein attraktives Handelsgut ist, wenn auch nicht mehr so wertvoll wie 1973.

11112009833

21. Nov. 2009

Ein Beitrag von Johanna Sophia aus den USA

Wir haben das grosse Glück, zu einem Gospelfestival eingeladen zu sein. Wir lieben live Gospelmusik, mögen aber die stundenlangen Predigen weniger, die bei einem Gospelkirchenbesuch dazugehören. Beim Festival gibt’s die Musik ohne die Kirche.

Um 6 Uhr morgens stehen wir auf. Wir wollen ein anständiges Frühstuck einnehmen vor diesem langen Tag voller Gesang. Dann fahren wir 40 Minuten lang im Morgengrauen von New Berlin nach Oneonta, New York, zum Hartwick College. Es ist Samstag.

FILE0106

Ich hatte für das Privathaus des Musikdirektors, Prof. Jirka Kratochvil (Hartwick College) ein Solarsystem entworfen. Während wir die Solarthermietechnik besprachen, kamen wir auf Gesangstechniken zu sprechen. Jirka ist Professor für Chormusik und auch ich habe mal auf der Bühne gesungen. Ich erzählte ihm von der Werbeckmethode, die meinem Patenonkel Jürgen Schriefer von der schwedischen Operndiva Werbeck-Sverdstróm übergeben wurde – die Gesangstechnik, die sie mit Dr. Rudolf Steiner zusammen ausgearbeitet hatte. Eine heilende Gesangsschule. Ich war eine der ersten von ‘Onkel Jürgens’ Gesangsschülerinnen und erlebte die Übungen wie tiefe, ekstatische Meditationen, die zu irre schönen Tönen und zu einem seligen Rauschgefühl führten. Besser als Marihuana, dachte ich damals. Ich wurde allerdings keine Jüngerin der Schule der Klangenthüllung und auch keine ‘Waldorfsängerin’. Aber ich benutzte die Übungen und den Ansatz auf Bühnen und vor Filmkameras, wo immer ich auftrat und auch mit meinen Schauspielschülern wo immer ich lehrte.

Jetzt bat Jirka mich, ein Werbeck-Workshop für seine Studenten anzubieten. Habe ich einen Prospekt? fragte er. Aber ich habe keinen und weiss auch nicht, wann ich Zeit haben werde, eine Beschreibung auszuarbeiten. Die Solaranlagen und Solarverkäufe im Sophia’s Center gehen vor, denn damit verdiene ich derzeit unseren Lebensunterhalt. Aber singen würde ich allzugerne mal wieder, gestand ich.

“Dann komm doch zu meinem Gospelfest,” meinte Jirka. Dein Gospelfest?, dachte ich ungläubig. Vor mir sass schliesslich ein weisser Tscheche, der vor 12 Jahren nach Amerika ausgewandert war. Was wusste er von Gospelgesang? Ich versuchte ihn mir mit ausgestreckten Armen, hingebungsvoll  beim “Halleluja!”-jauchzen vorzestellen… aber dafür war er eigentlich zu steif. Er hatte meine Gedanken schon geraten. “Ich habe einen grossartigen amerikanischen Musikprofessor, der das Singen leitet” erklärte er. “Den musst Du erleben.” “Können meine Kinder mitsingen?” wollte ich wissen. “Ja, natürlich, wir haben auch 5 oder 6 High School-Chöre dabei,” war die Antwort. “Wunderbar!”

Also lebten meine Kinder, unser Austauschschüler David und ich auf dieses Ereignis zu, übten sogar täglich Tonleitern mit David und sangen tagelang deutlich mehr als sonst.

Im Gegensatz zu anderen Festivals, in denen verschiedene Gruppen ihre Arbeiten darbieten, sollte dies ein Fest sein, an dem verschiedene Gruppen aus weiten Teilen des Landes einen ganzen Tag lang zusammen sangen und am Abend das erlernte aufführten. Ein aufregendes Konzept, dachte ich. Ganz in meinem Sinne von lebendiger Kunst.

Als wir am College ankommen, erhellt sich der Himmel, aber wir gehen in eine fensterlose Halle. Um 8 Uhr dreissig sollen alle eingeschrieben sein und ihr Namensschild tragen. 16 Kirchenchöre, Seniorenchöre, Universitätschöre und viele individuelle Sänger und Gesangsstudenten versammeln sich in der Sporthalle von Hartwick College. Die Halle ist typisch amerikanisch so richtig un-schön. Es wird ein langer Tag auf harten Plastikbänken. Aber niemand beklagt sich. Hier dabeisein zu dürfen ist ein Privileg. Viele sind gestern abend oder über Nacht mit gecharterten Bussen angereist.

GEDC0082

Um 8 Uhr 45 hält Jirka eine kurze Ansprache. “400 Sänger und Sängerinnen seid ihr, und mit mir sind wir 401,” zählt er auf. “Letztes Jahr 150, dieses Jahr 401, nächstes Jahr 800?” Jirka ist sichtlich aufgeregt. Wir bekommen unsere Notenhefter. Aber da sind gar keine Noten drin sondern nur Texte!

FILE0165

Wir werden 6 vierstimmige Lieder nach Gehör einstudieren und diese am Abend aufführen, erklärt Jirka. HA! So haben wir das Liederlernen am Waldorflehrerinstitut Witten-Annen auch gemacht. Aber nicht gleich sechs auf einmal und nicht mit 400 Menschen.

FILE0162

Tochter Soraya und ich sitzen im Sopran;  Sohn Takura und David holen noch Wasserflaschen und gesellen sich etwas verspätet zu den Bässen. Sie sind jung, aber haben kraftvolle Stimmen.

FILE0173

Dann kommt ein kleiner Mann, den ich vorhin zufällig im Vorübergehen fotografierte, weil er so locker aber autoritativ mit Studenten plauderte, und stellt sich ans Klavier.

FILE0170

“Please welcome the great, the ingenius, Prof. Dr. Raymond Wise!” sind Jirka’s letzte Worte an uns, den Chor. Wir applaudieren und erheben uns, ihn zu begrüssen.

Statt uns seine ganze Karriere zu erzählen, singt er uns erst einmal etwas vor. Wir staunen nur noch. Er singt vom tiefen Bass bis in die Königin-der-Nacht Register im hohen Sopran. Unglaublich. Und alles mit Leichtigkeit und Geschmeidigkeit, ohne je zu drücken.

Dann erklärt er, wie man das macht. “Nnnnn” durch die Nase singen,“ beginnt er, „die Nasenlöcher blähen, die Resonanzräume der Kiefern öffnen, den Rachenraum nach hinten öffnen, das Kinn lockern, hin und her wackeln, den Klang im “OOOO” um die Innenräume und rund um den Kopf herum klingen lassen. Er demonstriert, wir machen nach, seine Augen werden gross, wie bei einer Kuh, die gerade ein Kalb gebährt (das habe ich einmal miterlebt), in völliger Hingabe an den sich gebährenden Ton. Das kommt mir alles ganz und gar bekannt vor, das ist auch die Werbeckschule der Klangenthüllung! Ich benutze alles, was ich bei Jürgen gelernt habe und erkenne, dass Raymond Wise denselben Ansatz gefunden hat. Dann kommt noch die Kraft des Irdischen dazu: “Der Ton kann seine volle Grösse and Leuchtkraft entfalten, wenn wir ihn tief im Becken, mit den unteren Bauchmuskeln tragen,” sagt Dr. Wise und demonstriert auch das, indem er einen Sänger bittet, ihn mehrmals mit der Faust in den Bauch zu schlagen, während er seinen grossen “OOO”-Ton singt. Der Ton wackelt nicht einmal und verliert nicht an Kraft. “Das funktioniert auch für die ganz hohen Töne, erklärt er weiter. Je höher wir kommen, desto mehr müssen wir den Bauchraum nach unten öffnen, schieben and halten, die Muskulatur dort anspannen, während der Kopf ganz locker bleibt. Dann kommt man womöglich eine halbe Oktave höher, als sonst,” schliesst er und lacht. “Ich weiss, das ist viel auf einmal, aber versucht es.”

Dann lernen wir das erste Lied. Wir lernen in musikalischen Abschnitten, gleich mit Phrasierung und Dynamik und Worten. Gleich mit Hingabe. Während die anderen ihre Stimmen lernen, dürfen wir unsere eigene leise mitsummen. Es ist ein einfaches Lied und das geht unheimlich schnell. Das ganze Lied ist innerhalb von zehn Minuten von allen ergriffen und wir singen es gemainsam. Das nächste ist schon komplizierter und dreimal so lang. Es wird nicht nur einfach gesungen, sondern es gehören auch Bewegungen dazu. Das dritte und vierte folgen. „Der macht viel zu schnell!“ flüstern wir uns zu.

In der kurzen Mittagspause gehen wir statt zur Mensa zum grünen Laden in der Nähe und jeder darf sich ein Bio-Sandwich aussuchen. Dann geht die Arbeit gleich weiter. Eine halbe Stunde vor dem Konzert ist Pause. Raymond fordert uns auf, kaum zu sprechen, frische Luft zu schnappen und die Muskulatur zu lockern. Wir trinken Wasser, atmen und entspannen. Der ganze Körper scheint zu vibrieren. Das ist wieder dieser Rausch, denke ich. Die Sänger lächeln alle geheimnisvoll. Wir sind wie in Trance.

Die Halle wird rappelvoll. Auf der einen Seite rappelvoll mit uns Sängern und auf der anderen und im Mittelfeld mit Zuhörern. Kinder, Eltern, Grosseltern und Studenten, alle sind sie da. Keiner von uns Sängern glaubt, dass wir die Lieder alle erinnern können. Gottseidank wird die zweite Hälfte des Konzerts von einem professionellen Gospelchor bestritten, denken wir.

Aber das Wunder geschieht: Sobald die ersten Akkorde eines Liedes angeschlagen werden, ist alles wieder im Gedächtnis. Und wo man trotzdem unsicher zu sein glaubt, trägt einen der Gruppengeist mit. Ich konzentriere mich wie noch nie in meinem Leben auf die Töne, die sich in mir gestalten. Sie sind zart und weich und glockenhaft, aber dann lasse ich sie wachsen und sie werden gross und laut und werden tief unten im Bauch von den Beckenknochen gehalten… es kribbelt alles! Die Klänge werden noch viel besser, als heute morgen, weil sich die Intensität und die eigenen Gestaltungskräfte während der ‘Darbietung’ vor anderen vervielfachen. Noch nie in meinem Leben habe ich so laut und doch so leicht gesungen. Ich bin ganz Ton und ganz Hingabe an die Grösse des Klangs in mir und um mich herum. Rechts neben mir singt eine blinde Dame, die sich bei mir eingehakt hat, damit sie die Schritte und Bewegungen nicht verpasst, wenn sie von Raymond per Handzeichen spontan wiederholt oder geändert werden. Meine blinde Nachbarin hat alle Texte schon nach einmal hören gelernt, denn sie hat keinen Brailtext. Links neben mir singt meine Tochter mit ihrer klaren, schönen Stimme.

Nach dem langen Applaus, der zu einem Lied mit Beteiligung aller Anwesenden inklusive des gesammten Publikums führt, ist das Gospelfest tatsächlich abgeschlossen. Man sieht viele Freudentränen oder Tränen der tiefen Gefühlsrührung und ein unglaubliches Strahlen auf den Gesichtern.

GEDC0087

Während unsere Jungs schon glücklich und hungrig zum Chinesen eilen, lässt sich Soraya noch mit dem Maestro fotografieren. Wir sind uns alle einig: Dr. Raymond Wise ist ein grosser Meister. Er freut sich darauf, bald wieder mit uns singen zu können, sagt er ihr.

Es war ein unglaublich intensiver Tag. Die Eindrücke und die Lieder werden uns ein Leben lang begleiten. Gesang ist ein Geschenk. Und wenn wir uns die Klänge nach Werbeck-Gospel-Methode erobern – oder besser gesagt, sie in uns und durch uns hindurch erklingen lassen, dann haben wir nicht nur Spass, sondern heilen auch beim Singen Körper und Seele. Tolle Sache.

vor »

Letzte Artikel

Artikel-Archiv

November 2009
M D M D F S S
« Okt   Dez »
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30  

Suche

Die letzten Kommentare

Hifi-Komponenten zu günstigen Preisen Termine, Treffen,Seminare zur Gewaltfreien Kommunikation