Der Zürcher (Achtung: nie Züricher sagen!) Sihlquai gilt als berüchtigte Sündenmeile – zumindest nachts. Tagsüber plätschert die Sihl dahin und der Flaneur inspiziert die heute verwaisten Brückenunterkünfte der Zürcher Clochards, in der Hoffnung, von diesen auf ihre Inhaber schließen zu können. Er findet einen echten Bettlerthron, den er so noch nie in der Bronx oder in Berlin-Neukölln sah:
Das kunstvoll geschnitzte Holzgestell ist unversehrt. Es harmoniert mit dem gut erhaltenen, fast noch jungfräulichen Gobelin von Graffito dem Jüngeren. Man muss den Zürcher Clochards erlesenen Geschmack bescheinigen. Auch der bittstellende Gast des Königs findet ein würdiges Möbelstück vor:
Ein gepflegter, völlig intakter Massivholzstuhl, der sich in jeder Landhausküche gut machen würde. In Zürich ist es möglich, solche Stühle als Freeware an die Sihl zu stellen, denn jeder hat derart ausreichend königliche Sitzgelegenheiten, dass keine Versuchung entsteht, im Kabinett des Sihlbrückenkönigs zu stibitzen. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, mit welchen Preziosen der königliche Garten an diesem 6. Oktober aufwartet:
Eine empfindliche Gewürznelke ist in den Breitengraden von Zürich keine frostfeste Wildpflanze. Sie muss von der königlichen Gärtnerei nicht zu früh – April ist für Nelken definitiv zu früh – ab etwa Mitte Mai angepflanzt worden sein; angepflanzt in einer öffentlichen Uferböschung ohne Schutz vor Vandalen. Die königlich-zür’sche Brückenclochardpolitik entspricht dem öffentlich und privat zur Schau gestellten Reichtum in der wohlhabendsten Stadt der Welt. Ich beschließe, für einen kleinen Moment selbst den Thron zu besetzen:
Adieu und auf Wiedersehen in Hippes Züri, Teil II !











