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14. Okt. 2009

Während das Fotografieren streitender Paare mit Baby und herumlümmelnder Jugendlicher mit Migrationshintergrund im Bahnhofsgebäude der Endhaltestelle der Münchner U5 aus bekannten Gründen für gutgekleidete Männer meines Alters nicht ganz ohne Risiko ist, weiche ich auf dankbarere Objekte aus.

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Nichts auf diesem Bild deutet darauf hin, dass es diese Reportage wert ist. Es sieht einfach zum Wegklicken aus. Und doch verbirgt es wertvolle Schönheit, die wir beim Näherkommen entdecken dürfen:

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Das ist eben der Mittelstreifen aus dem obersten Bild! Irgendwelche rot-grünen Stadtgärtner haben den alten Rasen entsorgt und offensichtlich relativ spät Blumen ausgesät, denn diese Szene spielt sich nicht im Juli, sondern am 10. Oktober ab. Sogar an Schafgarbe für das inzwischen allerdings nicht mehr so populäre I-Ging hat die Stadtverwaltung gedacht.
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Ich bin allerdings der einzige Mensch weit und breit, der sich diesem Paradies widmet und riskiere, von den Münchner Autofahrern, die mich mit bösen Blicken bedenken, hingerichtet zu werden. Ich verstehe, warum gerade in München solche Morde an Passanten möglich sind: In wenigen Städten sind die Menschen gleichgültiger gegeneinander als in meiner Geburtsstadt.

12. Okt. 2009

Unterwegs war in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts eine sich entwickelnde, neue Lebensform. Zu ihr gehörte der Road-Movie, allen voran Easy Rider und Außer Atem von Jean Luc Godard. Das Genre wurde immer wieder aufgenommen, etwa in Harold and Maude und Duell von Steven Spielberg.
ICE-Roadmovies gibt es nicht, obwohl viele Menschen im ICE nicht nur arbeiten und pendeln, sondern leben. Die Atmosphäre im ICE ist oft besonders unaggressiv. Heute brachte mir die Bistrobetreuerin ein Vittel und bedauerte vor versammeltem Publikum, die von ihr angebotene Erfüllung weitergehender Wünsche nur eingeschränkt vornehmen zu können, obwohl sie dies eigentlich vorhabe. Das Publikum quittierte diesen entspannten Auftritt mit herzlichem Lächeln. Wir wissen: Wir sitzen im ICE alle in einem Boot. Wir müssen unterwegs sein. Es ist unser Schicksal und wir versuchen, das Beste daraus zu machen.

So ist die Welt vom ICE Karlsruhe-Freiburg aus gesehen

So ist die Welt vom ICE Karlsruhe-Freiburg aus gesehen

Ein stillschweigendes, solidarisches Einverständnis verbindet die Profi-ICE-Pendler mit dem Zugpersonal und den Novizen, die von einem Flughafen oder zu einem Flughafen fahren. Die landschaftlichen Perspektiven in der Abenddämmerung um 18 Uhr erzeugen allgemeines Schweigen:

Mexiko? Spanien? Dalmatien?

Mexiko? Spanien? Dalmatien?

Der Blick auf die fernen Hügelketten  fesselt und, lässt uns vergessen, dass wir von der Arbeit, in der Arbeit, zu der Arbeit fahren. Für Momente werden wir kleine Kerouacs.

Türkei?

Türkei?

Das Schöne ist: Wir werden nie wissen, warum wir wo unterwegs sind.

 

10. Okt. 2009

Die Zürcher Hippness besteht wesentlich aus kosmopolitischen Zitaten, die sozusagen eine Art Welt-Freizeitpark der Szenen bilden. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

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Die Zürcher, ureinst der konservativen Provinzialität verdächtigt, haben ihren Ehrgeiz darin gesetzt, großstädtische Biotope zu imitieren, in der Hoffnung, diese würden auch die dazugehörigen Sozialbewegungen Straßenprostitution, Drogenhandel und Bandenbildung befördern. Während in New York eigentlich überhaupt alles verboten ist incl. Rauchen, gilt Zürich nun als eine Art Naturschutzgebiet für veraltete Devianzen. Tatsächlich trifft man hier noch auf Junkies und Transvestiten, auf blasse Kettenraucher und ungarische Bordsteinschwalben, von denen München, New York und London längst gesäubert sind. Allerdings sieht es rund um die Schiffbaustrasse aber eher so aus wie in der Restaurant-Bar LaSalle , benannt nach dem Begründer der deutschen Sozialdemokratie, die bis 1998 lebte, also über 100 Jahre alt wurde:

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Das Zür’sche Zitatemoment dieser Szene sieht man nicht auf den ersten Blick. Es ist das gemischte Paar, das so hipp ist. Natürlich hat die Hippness dort, wo sie in die Niederungen des Massenkonsumes gerät, auch eine Kehrseite, die wir hier fotografieren durften:

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Mitten im Szene-Viertel befindet sich auch der Schwyzer Think-Tank Avenir Suisse, der mich nach Zürich geführt hat. Man beachte, wie hipp der Kollege von Avenir Suisse, ebenfalls promovierter Ökonom, im Gegensatz zum Autor erscheint:

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“Sinnlos”, schreibt Epikur, “ist es von den Göttern zu erbitten, was der Mensch sich zu verschaffen selbst im Stande ist.” Es ist deshalb vernünftig, die Zür’sche Hippness nicht zu imitieren. Dies sehen auch die 250.000 Pendler so, die täglich in das Reservat kommen und bereits um 17.55 Uhr derart ermüdet sind, dass sie nicht nur aus Kostengründen dem Zürcher Nightlife fernbleiben:

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Soweit fürs Erste aus Züri. Fortsetzung folgt, falls die Zürcher diese bezahlen.

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