An der Haltestelle Heitersheim – einen Bahnhof gibt es nicht mehr – stehe ich am Morgen mit einer Familie: Mutter, Sohn und zwei Töchter. Die Haltestelle spiegelt die ganze Verlorenheit im Regionalbahnverkehr wider. Hier fährt nur noch, wer unbedingt muß. Den Kindern ist das zum Glück nicht bewußt.
Während die Mutti eine raucht, kann ich ein bißchen mit den Kleinen scherzen.

Der Kleine wirkt wach und klug. Ich werde mir um ihn keine Sorgen machen müssen…
Und auch nicht um seine kesse Schwester, die etwas Langstrumpf-like auftritt:
Die dritte, die nicht fotografiert wird, spielt kurz mit dem Kleinen und setzt sich dann neben mich. Sie könnte schon 13, vielleicht aber auch erst 11 sein. Ihre Haare sind fettig und ungepflegt, hängen wie ein Vorhang über ihrem Gesicht.
“Weißt du was?”, sagt sie. “Ich fahre zum psychologischen Heilreiten nach Müllheim.”
“Auf Ponys?”
“Auf einem Pferd. Ich kann schon reiten und das Pferd ist ganz lieb.”
“Weißt du was?”
“Ja?”
“Ich war im Schwimmbad und da hat mich ein Mann angesprochen und er hat gefragt, ob ich mitkomme und er war nett und ich bin mitgekommen. Dann hat er mir seinen Hautkrebs gezeigt, der war ganz gelb. Und leckeren Apfelsaft hat er mir gegeben. Der war so schön süß! Er hat mir gesagt, dass er behindert ist.”
“Weißt du was?”
“Ja?”
“Meine Mutter ist mit mir nach Berlin gefahren. Da waren wir zwei Wochen in einer Wohnung…”
Ich blickte bei diesen Erzählungen verunsichert zu der Mutter. Ob sie das wußte, dass ihre Tochter wildfremden Männern so etwas erzählt? Der Zug hatte Verspätung. Die ältere Schwester ging wieder zu dem Kleinen im Kinderwagen. Sie lächelte ihn an.
“Ist das deine Schwester?”, fragte ich das blonde Mädchen.
“Nein, die gehört nicht zu uns.”
Wie, dieses Mädchen war völlig alleine unterwegs? Ich erstarrte.
“Weißt du was?”
“Ja?”
“Willst du einen Pfirsich?”
“Brauchst du den nicht selbst?”
“Bitte, nimm’ ihn.”
Sie öffnete ihren Rucksack und kramte eine Tupperwaredose hervor, in der sich zwei Pfirsiche und ein belegtes Brot befanden. Sie gab mir einen kleinen, offensichtlich einheimischen Pfirsich.
“Ich möchte, dass du den zweiten auch nimmst!”, sagte sie.
Ich nahm ihn. Ich fühlte mich fürchterlich elend. Am Ende fotografierte ich sie noch von hinten. Das war das Äußerste des Zumutbaren. Ich fürchtete mich vor ihrer Zukunft. Der Gedanke, dass ich sie ihrem Schicksal überlassen müsse und kein Recht habe, über ihre Eltern und sie zu befinden, war mir unerträglich.











