Kategorien

Links

Meta

21. Sep. 2009

An der Haltestelle Heitersheim – einen Bahnhof gibt es nicht mehr – stehe ich am Morgen mit einer Familie: Mutter, Sohn und zwei Töchter. Die Haltestelle spiegelt die ganze Verlorenheit im Regionalbahnverkehr wider. Hier fährt nur noch, wer unbedingt muß. Den Kindern ist das zum Glück nicht bewußt.

07092009297

Während die Mutti eine raucht, kann ich ein bißchen mit den Kleinen scherzen.

07092009295
Der Kleine wirkt wach und klug. Ich werde mir um ihn keine Sorgen machen müssen…
Und auch nicht um seine kesse Schwester, die etwas Langstrumpf-like auftritt:

07092009296

Die dritte, die nicht fotografiert wird, spielt kurz mit dem Kleinen und setzt sich dann neben mich. Sie könnte schon 13, vielleicht aber auch erst 11 sein. Ihre Haare sind fettig und ungepflegt, hängen wie ein Vorhang über ihrem Gesicht.
“Weißt du was?”, sagt sie. “Ich fahre zum psychologischen Heilreiten nach Müllheim.”
“Auf Ponys?”
“Auf einem Pferd. Ich kann schon reiten und das Pferd ist ganz lieb.”
“Weißt du was?”
“Ja?”
“Ich war im Schwimmbad und da hat mich ein Mann angesprochen und er hat gefragt, ob ich mitkomme und er war nett und ich bin mitgekommen. Dann hat er mir seinen Hautkrebs gezeigt, der war ganz gelb. Und leckeren Apfelsaft hat er mir gegeben. Der war so schön süß! Er hat mir gesagt, dass er behindert ist.”
“Weißt du was?”
“Ja?”
“Meine Mutter ist mit mir nach Berlin gefahren. Da waren wir zwei Wochen in einer Wohnung…”
Ich blickte bei diesen Erzählungen verunsichert zu der Mutter. Ob sie das wußte, dass ihre Tochter wildfremden Männern so etwas erzählt? Der Zug hatte Verspätung. Die ältere Schwester ging wieder zu dem Kleinen im Kinderwagen. Sie lächelte ihn an.
“Ist das deine Schwester?”, fragte ich das blonde Mädchen.
“Nein, die gehört nicht zu uns.”
Wie, dieses Mädchen war völlig alleine unterwegs? Ich erstarrte.
“Weißt du was?”
“Ja?”
“Willst du einen Pfirsich?”
“Brauchst du den nicht selbst?”
“Bitte, nimm’ ihn.”
Sie öffnete ihren Rucksack und kramte eine Tupperwaredose hervor, in der sich zwei Pfirsiche und ein belegtes Brot befanden. Sie gab mir einen kleinen, offensichtlich einheimischen Pfirsich.
“Ich möchte, dass du den zweiten auch nimmst!”, sagte sie.
Ich nahm ihn. Ich fühlte mich fürchterlich elend. Am Ende fotografierte ich sie noch von hinten. Das war das Äußerste des Zumutbaren. Ich fürchtete mich vor ihrer Zukunft. Der Gedanke, dass ich sie ihrem Schicksal überlassen müsse und kein Recht habe, über ihre Eltern und sie zu befinden, war mir unerträglich.

07092009298
“Weißt du was?”

20. Sep. 2009

Mir ist heute klar geworden, dass ein ernstzunehmender, echter Blog mit Alltagskonsistenz auch täglich erscheinen muß. Ansonsten würde das an Restaurants erinnern, die sagen, sie würden ja mittags öffnen, wenn sie wüßten, dass genug Gäste kämen, sie würden ja frischen Fisch kochen, wenn ich ihnen garantieren würde, dass er 10x bestellt wird.
Also: Ab jetzt komme ich täglich in Ihr/Euer Wohnzimmer (oder Büro?)!
Da ich nun zweimal über Hendl berichtet habe, füge ich gleich ein drittes Mal hinzu:

20092009430

Man sieht dem Hendl und den Pommes Frites nicht an, dass sie völlig ungenießbar waren – allerdings stammten sie auch nicht aus der Weinstube Schmid in Ballrechten, sondern aus der Linde in……… Das Pils ging zur Not, wobei in der Regel das Brauereischild von Ganter eine Warnung vor schlechter Küche ausspricht, auf die man hören sollte. Bemerkenswerter war dagegen der Hinterhof der Gaststätte, der unter anderem eine Bibliothek und einen Spielplatz bereithielt (folgende Fotos):

20092009432

20092009431
Man darf auch sagen: Pflanzen werden in der Linde genauso gut behandelt wie Gäste.

20092009433 

Bevor man nun beginnt, Schadenfreude oder Häme zu empfinden, anstatt Mitleid mit diesen armen Gastwirten zu haben, die sich keine Zutaten, Pflanzen oder Bedienungen leisten können und die vielleicht froh sind, dass Ganter ihnen günstige Einkaufskonditionen für 50 Liter zehnmal verwendbares Fett besorgt, bevor also das Negative die Oberhand gewinnt, blicke man auf dieses Foto:

20092009428
Es handelt sich um Geschwister einer offensichtlichen Patchworkfamilie, die im Hinterhof der Linde haust. Wie mir der Älteste erklärte, seien sie alle vier Afghanen. Ich bin mir da nicht so sicher, aber gerade die beiden, die ich nicht für Afghanen halte, tragen nun mal ein afghanisches Gewand. Dürfen wir vermuten, dass sie eingebürgerte Afghanen sind, sozusagen afghanisiert wurden? Auf jeden Fall sind sie auf dem Hinterhof der Linde tausendmal sicherer als in ihrer Heimat, wo deutsche Soldaten für Krieg Sicherheit und Aufbau sorgen und in der Schule die Kinder unterrichten, wie dieses Foto (der Dank für die Überlassung geht an unsere Bundeswehr) beweist:

Lehrer in Afghanistan

Ich denke aber, dass wenn es unser Ziel sein sollte, afghanische Mädchen christlich zu unterweisenrichten, wir dieses kostengünstiger und effektiver auch mit Stipendien nach Deutschland und ohne Lehrer vor Ort erreichen könnten.

19. Sep. 2009

Es war 1993, als der wundervolle Film Und täglich grüßt das Murmeltier herauskam. Bill Murray spielte darin einen Reporter, dessen Leben sich bei einer Außenreportage täglich wiederholt. So bekommt er aber die Chance, die anfangs spröde, bezaubernde Andie McDowell mit seinem zunehmenden Wissen über sie endlich zu verführen.
Mir ging es gestern abend so, als ich in der Autowaschanlage hinter mir einen Mann kennenlernte, der ebenfalls den vorgestern hier beschriebenen Frühabendhunger hatte und sich eine Tüte Chips reinzog. Es geschah dann Folgendes:

18092009383

und auch das blieb nicht aus:

18092009387

Wenn sich zwei Männer in dieser frühabendlichen Hungersituation begegnen, bringen sie einander Verständnis entgegen. Sie sind solidarisch. Als Jüngling auf der Insel Ischia musste ich in dieser Situation ein Stück Straßenpizza bestellen – es war im Juni 1975 – mit dem ich mich in die Landschaft zurückzog. Dort kam mir Franz Josef Strauss ganz alleine entgegen und wünschte mir “Guten Appetit”. ER wußte, wovon er sprach. Seitdem schätze ich ihn als lebensnahen Praktiker. Da fiel mein Blick auf die Wand neben dem Stammtisch der Weinstube Schmid:

18092009386
Strauss war also auch hier gestrandet. Ein Knoblauchhendl ist einfach unwiderstehlich. Andie McDowell auch.
Und täglich grüßt das Murmeltier. Auch heute wieder?

« zurückvor »

Letzte Artikel

Artikel-Archiv

September 2009
M D M D F S S
« Aug   Okt »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930  

Suche

Die letzten Kommentare

Hifi-Komponenten zu günstigen Preisen Termine, Treffen,Seminare zur Gewaltfreien Kommunikation